Politik : „Er erreichte die Herzen und Köpfe der Menschen“

Paul Spiegel nennt Johannes Rau einen Freund Israels und der Juden in Deutschland

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Der Todestag von Johannes Rau fällt auf ein Datum, an dem er sich zu Lebzeiten regelmäßig zu Wort meldete. Der 27. Januar, der Tag, an dem vor 61 Jahren das Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde, ist dem Gedenken an die Opfer des Holocaust gewidmet. Ein Datum, an dem wir die Stimme von Johannes Rau in Zukunft schmerzlich vermissen werden. Nicht nur zu diesem Anlass verstand es Johannes Rau auf unverwechselbare Weise, den richtigen Ton zu treffen, die Herzen – und Köpfe – der Menschen zu erreichen. Seine Appelle gegen das Vergessen, seine Mahnungen, die Gefahr des Rechtsradikalismus ernst zu nehmen, seine dringlichen Bitten, antisemitischen Vorurteilen, Gewalt und Diskriminierung entschieden entgegenzutreten – all das sparte er sich nicht für Gedenkreden auf. Lebenslang durchdrungen von der Bestürzung über die von Deutschen während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft begangenen Verbrechen, nutzte er ganz unterschiedliche Gelegenheiten, um seine Botschaften und damit eine Art ethischer Orientierung an seine Zuhörer weiterzugeben.

Seine Gabe, über gesellschaftliche, politische und kulturelle Grenzen hinweg Menschen für sich und seine Anliegen zu gewinnen, empfahl ihn für höchste politische Ämter. Vor allem aber versetzte ihn diese Fähigkeit mehr als alles andere in die Lage, anderen zu helfen. Seine kleine Kladde mit unzähligen Telefonnummern war legendär und bildete die Grundlage für ein Netzwerk, das allumspannend zu sein schien. Wer Johannes Rau um Unterstützung bat, konnte sicher sein, dass er alles in seiner Macht stehende tun würde, um behilflich zu sein. Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland hat in ihm einen verständnisvollen Wegbegleiter verloren, der um die Sorgen und Nöte der jüdischen Gemeinden wusste, sich anstehender Probleme annahm und stets bemüht war, einen Beitrag zur Wiederbelebung jüdischen Lebens in Deutschland zu leisten.

Es dürfte kaum einen deutschen Politiker geben, der häufiger Israel besucht hat als Johannes Rau. Seine Israel-Reisen waren geprägt von dem Bemühen, das komplizierte Geflecht der deutsch-jüdisch-israelischen Beziehungen noch besser zu verstehen und Möglichkeiten auszuloten, die Kontakte zwischen Juden und Nichtjuden zu vertiefen. Beispielhaft stehen dafür, neben vielen anderen Initiativen, die im Jahr 2000 ins Leben gerufenen Johannes-Rau-Stipendien, die israelischen Jugendlichen einen Deutschland-Aufenthalt ermöglichen und ein Herzstück des deutsch-israelischen Jugendaustauschs bilden. Die daraus entstehenden Begegnungen sind Schritte auf dem langen Weg der deutsch-jüdischen Aussöhnung. Wie sehr diese besonders auch dem Bundespräsidenten Johannes Rau am Herzen lag, brachte er bei seinem Staatsbesuch in Israel im Februar 2000 zum Ausdruck, wo er als erstes deutsches Staatsoberhaupt vor der Knesset sprach. Stellvertretend für die Generation der Täterinnen und Täter, bekannte er sich in einer bewegenden Rede zur deutschen Schuld und verneigte sich sinnbildlich vor den toten und überlebenden Opfern des Holocaust. Eine Geste, die auch aus seiner Sicht schon viele Jahre früher hätte erfolgen können. Es spricht für Johannes Rau, dass er sich damals über die auch 55 Jahre nach Kriegsende noch immer in Deutschland existierenden Vorbehalte hinwegsetzte und in aufrichtiger Demut diese Handreichung in Richtung des jüdischen Volkes vollzog.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland ehrte Johannes Rau 1995 mit dem Leo-Baeck-Preis. Ob Verständigung zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland, die Intensivierung des christlich-jüdischen Dialoges oder seine Anteilnahme an einer positiven Weiterentwicklung des Friedensprozesses im Nahen Osten: Seine vielfältigen Verdienste ließen es geradezu überfällig erscheinen, seinen Einsatz mit der höchsten Auszeichnung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland zu würdigen. Mit dem Tod von Johannes Rau haben die in Deutschland lebenden Juden und das Land Israel einen treuen Freund und kundigen Ratgeber in schwierigen Situationen verloren. Der Beistand und die Unterstützung dieses Brückenbauers zwischen den Völkern, Kulturen und Religionen werden uns fehlen. Sein Lebenswerk jedoch bleibt über den Tag hinaus Mahnung und Ansporn, um in seinem Sinne für Toleranz und Menschlichkeit einzutreten.

Der Autor ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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