Politik : „Er hat die ganze Welt im Blick“

Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen über seine Erwartungen an den neuen Pontifex

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Herr Erzbischof, viele Christen in Lateinamerika haben auf die Wahl von Joseph Ratzinger enttäuscht reagiert. Sie sind MisereorBischof und haben intensive Kontakte in die Dritte Welt. Was hören Sie?

Ich höre, dass die Bischöfe sehr froh sind. Ich sehe auch, dass die Reaktionen der Leute teilweise anders sind. Benedikt XVI. kennt Lateinamerika, Afrika und Asien gut, weil er die Bischöfe kennt. Ich finde es im Hinblick auf den Süden nicht wichtig, woher der neue Papst kommt. Ich finde es wichtig, dass er die ganze Welt im Blick hat – und das hat er fraglos.

Haben Sie Verständnis für die Enttäuschung der Leute?

Ja, ich habe Verständnis dafür. Die Gläubigen in Lateinamerika, Asien und Afrika kennen einfach Ratzinger noch zu wenig. Ich finde es darum gut, dass der neue Papst in seiner ersten Predigt gesagt hat, die Frage der Gerechtigkeit spiele für ihn eine große Rolle. Und Gerechtigkeit heißt gerechte Verteilung der Güter.

Ratzinger hat vor zwei Jahren gesagt, er könne sich einen Afrikaner als Papst vorstellen. Nun ist es wieder ein Europäer. Traut die Kirche in Europa ihren Mitkirchen in der Dritten Welt dieses höchste Amt noch nicht zu?

Ich glaube schon, dass die Zeit reif ist für einen Papst von einem anderen Kontinent. Er muss halt vom Konklave gewählt werden. Ich finde es aber nicht gut, wenn die Frage der Herkunft ein solches Gewicht bekäme wie zum Beispiel die Länderquoten in den Gremien der Vereinten Nationen. Ich traue dem neuen Papst zu, dass er deutlich macht: Ich bin nicht Papst der Europäer, sondern ich bin Papst für die Weltkirche. Johannes Paul II. hat das vor allem geschafft durch seine Reisen.

Sie empfehlen Benedikt XVI., ebenfalls viel zu reisen?

Der neue Papst ist beim Amtsantritt 20 Jahre älter, als es Karol Wojtyla bei seinem war. Auch ist er in seinem Leben nie viel gereist. Das weltweite Amt des neuen Papstes wird darum wohl anders zum Ausdruck kommen – wie international er die Kurie in Zukunft besetzt und ob er den Menschen der Südhalbkugel das Gefühl gibt, dass die Kirche etwas für sie tut.

Der neue Papst hat nur ein indirektes Wissen über den Süden der Welt?

Sein Wissen ist erworben durch den Kontakt mit den Bischöfen. Ich empfehle dem Papst, selbst in diese Länder zu reisen, um sich ein Bild von dem ganzen Elend zu machen. Und ich bin sicher, dass der neue Papst vom Evangelium her deutlich machen wird, dass man diese Missstände nicht einfach hinnehmen darf, ohne etwas zu tun.

Zu Fragen der sozialen Gerechtigkeit hat sich Ratzinger bislang selten geäußert, sein Schwerpunkt lag mehr auf Moraltheologie und Dogmatik.

Theologie muss die Frage der sozialen Gerechtigkeit im Blick haben, sonst ist sie unredlich. Ich halte Benedikt XVI. für einen sehr redlichen Menschen und einen sehr guten Theologen.

Joseph Ratzinger hat in Deutschland eher ein konservatives Image. Sie haben bei ihm studiert. Ändert das Amt einen Menschen?

Ich habe ihn als Wissenschaftler, als freundschaftlichen Gesprächspartner und als tief frommen Menschen kennen gelernt. Wer ihn nur in einer Rolle erlebt, der sieht ihn falsch. Seine Theologie damals war für uns Studenten eine Sensation.

In Hamburg sind die Katholiken in der Minderheit, Ökumene spielt eine große Rolle. Was erwarten Sie mit Blick auf die Ökumene vom neuen Papst?

Ich erwarte, dass Papst Benedikt neue Initiativen für die Einheit der Christen anpackt. Es wird aber sicher keine Ökumene zu theologisch herabgesetzten Preisen geben.

Was wird er konkret tun?

Er wird die theologische Diskussion intensiver und tiefer führen. Und dabei wird es bestimmt um das Verständnis des Amtes, auch – wie bei seinem Vorgänger – um das Petrusamt gehen.

Wird Benedikt XVI. die Macht des Papstamtes freiwillig zurücknehmen?

Vielleicht will er in diese Richtung gehen. Das Petrusamt ist schließlich keine Erfindung des Ersten Vatikanischen Konzils, sondern steht in der Bibel. Ich erwarte, dass unter seinem Pontifikat das Miteinander der Kirchen enger wird.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

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