Politik : Er ist ein Berliner

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Von Ulrike Scheffer

Seine Lehrer haben ihren Job gut gemacht. Das weiß Bill Clinton nicht erst seit seinem Auftritt vor dem Brandenburger Tor am Donnerstag. Volle vier Jahre hat der frühere US-Präsident in den sechziger Jahren an der Washingtoner Georgetown Universität Deutsch studiert. Im Nebenfach. Als er Ende 1967 an einer Nato-Konferenz für Studentenvertreter teilnahm, sprach er gleich den Deutschen Rüdiger Löwe an, um zu sehen, „was meine Lehrer wert sind“, wie er zu Löwe sagte. Der Journalist vom Bayerischen Rundfunk ist bis heute mit Clinton befreundet und hat ihn während seines Besuchs in dieser Woche begleitet.

Am Tag der Deutschen Einheit überraschte Clinton Hunderttausende bei der offiziellen Einheitsparty zur Enthüllung des restaurierten Brandenburger Tores mit seinen Deutschkenntnissen. „Das Tor war ein Symbol der Teilung. Heute ist es ein Symbol der Einheit“, sagte er unter anderem und fügte auf Englisch hinzu: „Möge dies immer so bleiben.“ Seine gute Aussprache ließ unschwer erkennen, dass er nicht einfach ein paar deutsche Sätze auswendig gelernt hatte, sondern die Sprache seiner Gastgeber beherrscht.

Clinton hatte schon in der High-School Deutschunterricht und interessierte sich für deutsche Geistesgeschichte. Heine und Hesse sollen ihn besonders fasziniert haben. Im Gegensatz zu später konnte er sie damals aber wohl noch nicht im Original lesen. „Heute kann er deutsche Texte sehr gut lesen. Nur beim Sprechen ist er etwas aus der Übung“, sagt der Freund. Bei seinen offiziellen Treffen in Berlin verließ sich Clinton deshalb doch lieber auf einen Dolmetscher.

Das war nicht immer so. In Gesprächen mit Helmut Kohl verzichtete der frühere US-Präsident mitunter auf einen Übersetzer. In dieser Zeit nahm er sich allerdings auch regelmäßig Zeit fürs Deutschlernen. „Er hat mir erzählt, dass er im Weißen Haus jeden Freitag eine Stunde lang mit seiner Tochter Chelsea deutsch gesprochen hat, denn sie hatte die Sprache ebenfalls an der Uni belegt“, sagt Rüdiger Löwe.

Clinton selbst hat sich schon früh auch mit der politischen Zukunft Deutschlands beschäftigt. Als Vorsitzender der Nato-Studentenkonferenz 1967 gab er dem Deutschen Rüdiger Löwe ein wegweisendes Referatsthema vor: „Deutschlands Hoffnung auf eine Wiedervereinigung, und die Rolle der USA in Osteuropa.“ Bill Clinton, berichtet Löwe, habe damals dafür plädiert, dass die USA ihre Handelsbeziehungen zu Polen und der Tschechoslowakei ausbauen sollten, um den Ländern einen gewissen Wohlstand zu ermöglichen. „Dann, so glaubte er, würden die DDR-Bürger bald neidvoll zu ihren Nachbarn blicken und auf die Barrikaden gehen.“ Am Ende dieser Entwicklung sah Clinton den Sturz des Regimes in Ostberlin und den Zusammenschluss mit Westdeutschland. Ob er sich daran bei seinem Auftritt am 3. Oktober erinnert hat?

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