Politik : Er kommt kaum aus Potsdam raus, will aber "kein Ober-Ossi" sein

Thorsten Metzner

Hotel "Voltaire" in Potsdam, Dienstagabend, Matthias Platzeck ist Gast des Wirtschaftsrates der hiesigen Christdemokraten. Im bis auf den letzten Platz gefüllten Raum sitzen nicht nur Unternehmer, sondern auch SPD-Landtagspräsident Herbert Knoblich, die für die Kommunen zuständige Abteilungsleiterin des Landesrechnungshofes und diverse Geschäftsführer städtischer Gesellschaften. Weil es sonst nicht gerade leicht ist, an den Oberbürgermeister heranzukommen? Wer erhofft hatte, im Anschluss ein Wort mit Platzeck wechseln zu können, hatte jedenfalls Pech. Enttäuschte Gesichter, als er sich schon nach knapp eineinhalb Stunden gegen 20.30 Uhr wieder verabschieden muss. Die nächste Veranstaltung.

Matthias Platzeck ist überall und nirgends in der Stadt. Atemlos hetzt er von Termin zu Termin, als habe er sein Amt erst gestern angetreten. Auf den Tag genau ein Jahr ist es jetzt her, als der von zwei Dritteln der Potsdamer gewählte "Hoffnungsträger" als "Retter" ins krisengeschüttelte Rathaus einzog. Seine Bilanz? Die dafür angesetzte Pressekonferenz im Rokoko-Ambiente des "Wiener Cafés", eine Straßenecke vom Eingang des Schlossparks Sanssouci entfernt, beginnt Platzeck mit einem 20-Minuten-Monolog im gleichen Stakkato-Tempo, mit dem er regiert. Alles querbeet, alles gleichzeitig: Sparkurs eingeleitet, Start der Verwaltungsreform, Stadtwanderungen der Rathausspitze eingeführt, Bälle gefördert, 100 Spatenstiche, "400 Einzelgespräche" mit ehrenamtlichen Vereinen, Stadtforum wiederbelebt, Friedenspfeife mit der Sanssouci-Stiftung geraucht, Theater gerettet, Freundschaftsinsel für die Bundesgartenschau fertig. "Und so weiter und so fort", schließt Platzeck. "Ich hoffe, dass wir in diesem Tempo weitermachen können." Die brachliegende Mitte Potsdams am Alten Markt, die umstrittene Abwicklung der Philharmonie hat er von sich aus nicht erwähnt. Auch kein Wort von möglichen eigenen Fehlern.

Er muss gespürt haben, dass es kein guter Auftritt war. Kein Drama, aber etwas, was es früher nicht gab. Nicht bei ihm, dem "Liebling der Medien", der nach seinem Hochwassereinsatz für seine politische Glaubwürdigkeit die Goldene Kamera bekam. Obwohl Meister darin, Stress und Belastungen mit seinem freundlich-lächelnden Charisma zu kaschieren, wirkte er diesmal abgespannt, fasrig. Und er nährte mit seinem Fakten-Feuerwerk ungewollt den Eindruck, den er eigentlich vermeiden wollte: dass er sich im Potsdamer Klein-Klein verirren, die große Linie aus dem Auge verlieren könnte. Wo ist sein klares Programm, wo sind seine Visionen? Auf entsprechende Fragen reagierte er - auch das ist selten - genervt. "Ich versuche beides zu tun: die Linie und die Kleinarbeit. Anders geht es nicht." Weiter mit den Fakten! Gibt es nicht eine größere Bürgernähe? Ist Potsdam nicht Kongressstadt, was vor einem Jahr niemand möglich hielt? Bringt Hasso Plattner nicht mit dem High-Tech-Institut die größte Wissenschaftsinvestition Deutschlands nach Potsdam?

Tatsächlich kann sich Platzeck - das Echo ist fast einhellig - trotz aller ungelösten Probleme zugute halten, dass sich die frühere "Krisenhauptstadt des Ostens" zum Guten verändert. Ob der Neu-Potsdamer Günther Jauch, Ministerpräsident Manfred Stolpe oder Saskia Hüneke, die engagierte Streiterin gegen die Großbausünde Potsdam-Center: Alle heben den "Klimawechsel" in Potsdam, den "Imagegewinn" für die frühere Stadt der Negativ-Schlagzeilen hervor. "Es ist natürlich schwerer als der Kampf gegen die Oderflut. Aber ich glaube, dass er es hinkriegt", sagt der TV-Moderator Jauch. "Platzeck ist nun einmal nicht Ali Baba mit der Wunderlampe", formuliert es Hüneke. Obwohl die Kunsthistorikerin und bündnisgrüne Fraktionschefin ohne Parteibuch in einigen Fragen wie dem umstrittenen Potsdam-Center mit dem Oberbürgermeister durchaus über Kreuz ist, nimmt sie ihn resolut in Schutz - auch vor der Kritik der immer bissigeren PDS, die offen von Überforderung spricht. "Mit Platzeck sind die immensen Probleme Potsdams endlich angepackt worden, ist eine neue Streitkultur ins Rathaus eingezogen - das zählt."

Matthias Platzeck hat sich in den letzten Monaten selbst verändert. Echte und falsche Freunde registrieren aufmerksam, dass durch den Dauerstress seine Gesundheit häufiger streikt. "Platzeck ist selbst härter geworden. Er wird schon einmal laut. Und er nimmt vieles nicht mehr so persönlich", heißt es in seinem Büro. Manche haben ihm diese Härte nicht zugetraut. Im Umweltministerium galt er als Harmoniemensch. Einer, der keine Feinde hat. Die Arbeitsteilung funktionierte ja auch perfekt: Das Grobe, das Unpopuläre erledigte Umweltstaatssekretär Rainer Speer. Ein Rainer Speer fehlt im Rathaus. Es ist vor allem der zähe Kampf gegen bürokratische Windmühlen, der Platzeck zu schaffen macht. Zwar bemüht er sich, solchen Tagesfrust nicht nach Außen dringen zu lassen, was nur Frust und Blockade in der Stadtverwaltung auslösen würde. Und Begeisterung zu wecken ist seine einzige Chance. Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass ihn mancher Trott nervt, dass es Platzeck maßlos ärgert, wenn sein Baubeigeordneter Michael Stojan aus Gütersloh - es war seine erste Personalentscheidung - nach mehr als einem Jahr das sensible Bauressort immer noch nicht im Griff hat, ja nicht einmal nach Potsdam gezogen ist. Oder, dass Platzeck seiner Regierungserklärung konträre Aussagen Stojans zur Stadtmitte ("zweite Priorität") gerade rücken muss, die in und außerhalb Potsdams für Irritationen sorgen. "Der Alte Markt hat natürliche Priorität!" Platzecks Dilemma, er spürt es täglich: Weil seine Führungsmannschaft kein Top-Team ist, gibt es viel zu viel, was Chefsache sein muss, wenn es klappen soll: Bundesgartenschau, Theater, Finanzen, Potsdam-Center, Innenstadt . .

Und trotzdem sagt Platzeck auch nach einem Jahr tapfer, dass er den Wechsel vom Umweltministerium ins Potsdamer Rathaus "noch nie" bereut habe. "Soll ich jetzt etwas anderes sagen?" Dass er sich gleichzeitig um Finanzen, Wirtschaft, Bauen, Kultur kümmern könne, mache Spaß, sei "eine Universität". Potsdam als harte, gute Schule, die den Kronprinzen Stolpes fit für höhere Weihen macht, im Land oder gar irgendwann einmal im Bund? Platzeck lässt nebenbei einen nachdenklichen Satz fallen, der auslegbar ist. "Ich komme kaum noch aus Potsdam heraus!" Platzeck - ein Gefangener der Stadt, die er liebt. Wird dieses immer noch provinzielle Potsdam allein trotz aller Sanssouci-Reize schon jetzt zu eng für das politische Naturtalent? Ist vielleicht das der tiefere Grund, weshalb der "Pflichtmensch" (Platzeck über Platzeck) trotz der zusätzlichen Belastung für den SPD-Bundesvorstand kandidiert, wenngleich erst von Schröder und Stolpe gedrängt? Wenn man ihn nach den Motiven, nach seinem künftigen Profil in der SPD-Führung fragt, antwortet er unverbindlich. Platzeck kandidiert als Platzeck. Die Person ist das Programm. Nur ein klarerer Satz kommt ihm über die Lippen. "Ober-Ossi will ich nicht sein!"

0 Kommentare

Neuester Kommentar