Politik : Er rechnet bis zum Letzten

SADDAMS LISTE

-

Von Clemens Wergin

Kann man auf 11 807 Seiten lügen? So umfangreich ist die Liste, die der Irak den Vereinten Nationen übergeben hat. Und wenn stimmt, was bei der Vorstellung in Bagdad behauptet wurde, dann lautet die Botschaft auf Arabisch und Englisch: Wir besitzen keine Waffen, die wir nicht besitzen dürfen. Keine nuklearen, biologischen und chemischen Kampfstoffe? Keine Trägerraketen, die weiter als 150 Kilometer fliegen? Da bleibt die Frage, wer das Saddam Hussein abnehmen soll.

Man muss ja nicht alles glauben, was über Saddams Waffenprogramme im IrakDossier steht, das Tony Blair Ende September vorgestellt hat. Es gibt aber kaum einen Experten, der nicht davon ausgeht, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen verfügt und sie weiterentwickelt – genauso wie die dazu passenden Raketen. Nur, lässt sich das beweisen? Die Frage, ob es sich bei den 11 807 Seiten um eine beredte Lüge handelt, ist darum nicht mehr zentral. Sondern, wie intelligent diese Lüge ist.

Ob eine Lüge intelligent ist, lässt sich an zwei Kriterien ablesen. Das erste, offensichtliche ist: Wie hoch ist die Gefahr, dass sie auffliegt? Das zweite: Führt die Lüge zum gewünschten Erfolg? Saddams Chancen stehen nicht so schlecht, was die Inspektionen anbelangt. Der Irak hat viel Zeit gehabt, sich auf die Kontrollen vorzubereiten. Es wird sehr schwierig, in den Anlagen noch Spuren oder Akten zu finden, die eine unerlaubte Waffenproduktion belegen. Der oberste Waffeninspekteur, Hans Blix, muss auf den Zufall setzen, auf schlampige Arbeit des irakischen Geheimdienstes.

Wie die Geschichte der UN-Inspektionen zeigt, sind Überläufer die wichtigsten Informationsquellen. Nur wenn hochrangige Funktionäre, Wissenschaftler oder Mitarbeiter der Waffenprogramme aussagen, erfährt man mehr über verbotene Forschung. Deshalb üben die USA enormen Druck auf Blix aus, im Notfall Wissenschaftler auch gegen ihren Willen aus dem Irak herauszubringen und zu verhören; was nach der UN-Resolution 1441 durchaus möglich ist, von Blix allerdings abgelehnt wird.

Aber auch der Irak setzt Signale. Vor einigen Tagen wurde ein irakischer Oppositioneller im Libanon umgebracht, wahrscheinlich vom Geheimdienst. Mögliche Überläufer sollen eingeschüchtert werden, die Botschaft lautet: Unser Arm reicht weit.

Jenseits der Frage von Beweis oder Gegenbeweis ist der Bericht des Irak ein politischer Kardinalfehler. Er zeigt die Realitätsferne, die geistigen Grenzen des Diktators. Saddam erkennt nicht, das Amerika wirklich ernst machen will. Alles deutet auf Krieg hin. Nur ein weitgehendes Offenlegen der Waffenprogramme hätte Präsident George W. Bush ein Einlenken ermöglicht. Dann hätte er den Konservativen in seiner Partei sagen können: Seht her, es hat doch etwas gebracht, auf die UN zu setzen. Wer bisher im Kabinett auf eine friedliche Abrüstung des Irak setzte, den hat Saddam jetzt um die Argumente gebracht. Er hat alles getan, damit die Lüge nicht auffliegt – hat er aber die Folgen der Lüge nicht bedacht? Wenn doch, ist das seine zynische Rechnung: Einen Krieg wird es in jedem Fall geben – dann aber mit all meinen Waffen. Dann will Saddam untergehen. Nur nicht allein.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben