• Er wollte die Mauer durchlässig machen - jetzt wird ihm der Prozess gemacht und selbst Johannes Rau wundert sich

Politik : Er wollte die Mauer durchlässig machen - jetzt wird ihm der Prozess gemacht und selbst Johannes Rau wundert sich

Robert Ide

Der Mann ist leicht zu übersehen. Er trägt einen grauen Mantel, eine Schiebermütze und einen Einkaufsbeutel. Nur seine goldene Brille sticht ein wenig hervor. Sieht so ein Totschläger aus? Denn das ist Herbert Häber nach Meinung der Berliner Staatsanwaltschaft. Häber saß im Politbüro der SED, das für die Todesschüsse an der Mauer verantwortlich war. Vom 9. Mai an soll ihm - gemeinsam mit den SED-Funktionären Siegfried Lorenz und Hans-Joachim Böhme - vor dem Berliner Landgericht der Prozess gemacht werden.

In der ehemaligen "Mokkamilch-Eisbar" an der Karl-Marx-Allee rührt Häber im Kaffee. Der 69-jährige Sachse meint, das alles sei ein großes Missverständnis. Er macht einen geraden Rücken und sitzt doch ein wenig geduckt. Von sich selbst spricht er gerne in der dritten Person. "Den Häber, den haben sie fertig gemacht", sagt er. Sie: Das waren seine einstigen Förderer aus der SED-Spitze. Nach 14 Monaten im Politbüro haben sie ihn wieder fallen lassen. Nun soll er stellvertretend für sie auf der Anklagebank der 32. Großen Strafkammer in Moabit sitzen. "Was wollen die eigentlich von mir?" Die: Das sind die westdeutschen Staatsanwälte.

Häber wirkt jetzt hilflos, vielleicht will er so wirken. "Ich wollte die Mauer durchlässiger machen", sagt er, ohne aufzuschauen. Dieses Argument wurde von angeklagten SED-Größen wie Egon Krenz und Günter Schabowski bisher nicht zur Verteidigung herangezogen. Häber weiß, dass es ihm nützen könnte. Er schaut auf.

Kaum ein anderer hat Aufstieg und Fall innerhalb des DDR-Apparats so intensiv erlebt wie Häber. Mit 16 Jahren trat er der SED bei, vier Jahre später arbeitete er bereits beim Zentralkomitee. Bei Vertrauten galt er als sensibel und ehrgeizig, als einer, der es weit bringen würde. Und geschickt erklomm er die Sprossen der Nomenklatura: 1971 hob Häber das Institut für Internationale Politik und Wirtschaft (IPW) aus der Taufe, das sich zur deutschlandpolitischen Forschungsstätte der DDR entwickelte. Als Leiter der SED-Westabteilung knüpfte er von 1973 an intensive Kontakte zu SPD und CDU in Bonn. Jetzt hatte er sein Arbeitsfeld entdeckt. Der Höhepunkt: ein Treffen mit CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep am 15. Januar 1975 in der Residenz von Günter Gaus - laut Protokoll "im Einverständnis mit dem Vorsitzenden der CDU, Kohl, und dem Generalsekretär der CDU, Biedenkopf". Nach dem Kaffeekränzchen war der Schutzwall zwischen SED und CDU durchbrochen.

Fortan gab sich die Führungsriege der Union in Ost-Berlin die Klinke in die Hand. Philipp Jenninger, Theo Waigel, Wolfgang Schäuble oder Richard von Weizsäcker klopften an Häbers Tür, um über seine Drähte an Erich Honecker heranzukommen. "Häber war der oberste Techtel-Mechtler", erinnert er sich selbst, diesmal wieder in der dritten Person. Welche Probleme das mit sich bringen würde, ahnte er damals nicht.

Betäubt in der Psychiatrie gelandet

Denn Häber bekam Gegenwind. Hardliner wie Erich Mielke und Günter Mittag wollten jede Annäherung an den Westen verhindern. "Die gingen dem Häber aus dem Weg und tuschelten", erzählt er. Zeitgleich versuchte Franz-Josef Strauß, das deutschlandpolitische Zepter in Bonn an sich zu reißen. Strauß und Mielkes Ziehsohn Alexander Schalck-Golodkowski fädelten einen Milliardenkredit ein, zu dem nach Ansicht des Historikers und früheren Häber-Vertrauten Jürgen Nitz die SED-Spitze nicht Nein sagen konnte: "ein Kredit ohne Bedingungen". Die einzige Auflage für die DDR - der Abbau der Selbstschussanlagen an der Mauer - sei angesichts des internationalen Drucks "sowieso fällig" gewesen. Mit dem Kredit starb Häbers deutschlandpolitisches Lieblingsprojekt: das so genannte "Züricher Modell". Das sollte Erleichterungen im Besucherverkehr ermöglichen - im Tausch gegen westdeutsches Geld von Schweizer Konten. Häber verschränkt die Arme auf dem Tisch und redet ohne Punkt und Komma. Auf dem Gebiet fühlt er sich sicher. So sicher wie früher.

Häber war fleißig. In Honeckers Auftrag trieb er dessen Bonn-Besuch voran und prägte in einem Brief an Kohl das Wort "Koalition der Vernunft". Doch als Honecker das Konzept am 17. August 1984 in Moskau vorstellte, bekam er eine Abfuhr. Die Sowjetführung hielt dem SED-Chef vor, dem Westen das Tor zu öffnen und die "Spionage" zu fördern. Honecker war brüskiert - und opferte Häber. Mielke begann, Akten über den Senkrechtstarter anzulegen, kurz darauf wurde Häber aus der SED-Führungsclique geworfen und landete betäubt in der Psychiatrie. Die Stasi überwachte ihn und suchte in seiner Familie nach belastendem Material. "Man hätte auch einen Autounfall inszenieren können", sagt Häber heute, 16 Jahre später. Er sieht müde aus. Bei der Gauck-Behörde wird er als Opfer geführt.

Nun also kommt Häber vor Gericht. Wie die anderen SED-Spitzengenossen soll er es unterlassen haben, für eine Entschärfung an der Grenze zu sorgen. "Wer, wenn nicht das Politbüro, hätte den Schießbefehl aufheben können?", fragt der zuständige Oberstaatsanwalt Bernhard Jahntz. Häber fragt zurück: "Was haben eigentlich westdeutsche Politiker für eine humanere Grenze getan?"

Argumente hat er gesammelt, jahrelang. Nun zählt er sie auf. Bei Häbers letztem Treffen mit bundesdeutschen Politikern stand ein brisantes Thema auf der Agenda: das so genannte "Loch Schönefeld". Über den Ost-Berliner Flughafen kamen immer mehr angolanische Asylbewerber nach West-Berlin, die dann weiter in die Bundesrepublik reisten. Politiker aus dem Westen wurden bei der SED vorstellig; die DDR sollte die Flüchtlinge an der Weiterreise hindern. Häber sprach darüber am 12. März 1985 sogar mit Berlins Bürgermeister Eberhard Diepgen. Laut eigener Mitschrift wies er ihn darauf hin, dass die DDR kein "Grenzregime für West-Berlin" errichten wolle. Später, als Häber nicht mehr dabei war, ließ sich die DDR dann doch zu diesem Schritt erweichen. Häber zuckt mit den Schultern. "Ich stelle mir die Frage, warum ich wegen der Mauer angeklagt werde, wenn andere mich dazu drängten, die Grenze abzuschotten."

Häber ist entschlossen, sich gegen ein Urteil zur Wehr setzen. Selbst Johannes Rau hat ihm bescheinigt, dass er das Ganze unglaublich findet. In einem Brief vom 6. April 1999 schreibt der heutige Bundespräsident: "Ich kann gut verstehen, dass Ihnen nach all dem, was Sie seit Anfang der achtziger Jahre erlebt haben, unbegreiflich ist, in wie scharfem Kontrast die offiziellen Auskünfte der Gauck-Behörde und das Verhalten der Staatsanwaltschaft stehen." Für den Prozess in Moabit will Häber prominente Zeugen laden: Oskar Lafontaine, Walter Momper und Hans-Jochen Vogel. Vielleicht, sagt Häber, komme sogar Walther Leisler Kiep, "aber der hat derzeit leider andere Probleme".

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