Erdbeben-Katastrophe : Haiti: Elend ohne Ende

In Haiti engagiert sich die internationale Gemeinschaft seit Jahrzehnten. Warum hat das kaum etwas gebracht?

 Dagmar Dehmer
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Foto: ReutersX90035

Haiti hat zwischen 1990 und 2003 rund vier Milliarden Dollar Entwicklungshilfe eingenommen. Doch noch immer leben 80 Prozent der Bevölkerung von weniger als zwei Dollar am Tag, also unter der Armutsgrenze. Viel gebracht hat die Hilfe bisher offensichtlich nicht. 60 Prozent der Haitianer sind unterernährt. Dabei arbeitet das Welternährungsprogramm (WFP) seit 1969 ununterbrochen in Haiti. Caritas International ist seit 1975 vor Ort. Oxfam hilft seit 1978 in Haiti. Und seit 2004 steht das Land faktisch unter einer Art UN-Protektorat, auch wenn das Mandat für die Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen Minustah eigentlich nie so weit gehen sollte. Eigentlich steht 2010 eine Präsidentenwahl an. Ob sie nach dem verheerenden Erdbeben vom 12. Januar tatsächlich stattfinden wird, ist unklar.

Was macht Hilfe in Haiti so schwer?

Einer der Gründe für die geringen Erfolgschancen für Entwicklungsprojekte ist die Anfälligkeit des Landes für Naturkatastrophen. Zwischen 1980 und 2008 gab es 65 Dürren, Hurrikane, Erdrutsche oder Überschwemmungen. Zwischen 1989 und 2008 starben 11 803 Menschen bei Naturkatastrophen. Das Land, das vor 500 Jahren komplett bewaldet war, ist es heute nur noch zu zwei Prozent. Die Wälder wurden abgeholzt, weil Holzkohle für die Armen die einzig verfügbare Energiequelle war und ist. Dadurch haben sich die Niederschlagsmuster verändert, es regnet insgesamt seltener, aber wenn dann heftiger. Dadurch wird immer mehr fruchtbarer Boden ins Meer geschwemmt, die Ernten werden immer kleiner. Durch den Klimawandel wird das Problem weiter verschärft. Noch dazu liegt Haiti in einem Gebiet, das ein hohes Erdbebenrisiko hat.

Was ist von Haiti selbst verschuldet?

Haiti ist seit der Unabhängigkeit 1804, als die ehemaligen Sklaven die Armee Napoleons nahezu ohne Waffen aus dem Land warfen, politisch instabil. 29 Jahre lang regierten die Duvaliers das Land diktatorisch. Dann wurde Jean Bertrand Aristide 1990 in der ersten demokratischen Wahl Haitis zum Präsidenten gewählt und wenig später durch einen Militärputsch aus dem Amt getrieben. Durch internationale Unterstützung wurde er schließlich wieder im Amt installiert und zwei Mal wiedergewählt. 2004 wurde Aristide, der zunehmend als korrupt und unberechenbar wahrgenommen wurde, durch einen Aufstand aus dem Amt gejagt. Die politische Krise ist in Haiti eine Art Dauerzustand. 2004 wurde deshalb das UN-Mandat beschlossen, 2006 trat René Préval, der derzeit von dem Flughafen der Hauptstadt Port-au-Prince aus regiert, sein Amt als gewählter Präsident an, nachdem er zuvor schon die Übergangsregierung geleitet hatte. Erst seit 2004 findet überhaupt ein ernstzunehmender Aufbau von staatlichen Institutionen in Haiti statt. Das verläuft zwischen den Geberländern, vor allem Kanada, USA und die Europäische Union, sowie der haitischen Regierung nicht konfliktfrei. Nach den Hurrikanen 2008 führten die Animositäten beispielsweise dazu, dass Hilfsgüter, die von den Opfern der Flutkatastrophe dringend gebraucht wurden, erst Wochen später von der Regierung freigegeben wurden.

Was haben die Geber falsch gemacht?

Trotz der umfangreichen Hilfe für Haiti würden fast 70 Prozent der Bevölkerung sofort emigrieren, wenn sie eine Chance dazu hätten. Vier Fünftel der ausgebildeten Haitianer leben im Ausland. Rund 700 einheimische und ausländische Nichtregierungsorganisationen (NGO), die humanitäre Projekte unterstützen, sind in Haiti registriert. Nahezu alle Hilfsansätze sind in Haiti erprobt worden. Es gibt unendlich viele Studien über Hilfsprogramme und ihre Ergebnisse; und inzwischen gibt es nahezu genauso viele Studien über die Misserfolge der Hilfe.

Obwohl die Regierung Préval als fähig gilt, haben es viele Geberländer vorgezogen, an der Regierung vorbei über NGOs Programme zu finanzieren. Es gibt zwar seit 1992 eine Software, mit der Hilfsgüter bei ihrem Eintreffen in Haiti registriert werden sollen, um ihre Verteilung zu koordinieren. Doch tatsächlich sei Haiti noch immer ein „Abladeplatz“ für Hilfsgüter und Hilfsansätze, deren Nutzen nicht immer klar sei, moniert das Internationale Rote Kreuz in seinem Welt-Katastrophenbericht 2009. Die Hilfsorganisationen selbst agieren oft als ein eigenes Universum, das seinen eigenen Abrechnungsregeln und Abläufen folgt – ohne dass sich das großartig auf die Bevölkerung auswirkt. Außerdem haben sie nach dem Übergang zur Demokratie in Haiti ihr Verhältnis zur Regierung nie neu definiert. Es gibt aber noch andere Dinge, die die Hilfe in Haiti dramatisch erschweren. Ian Brey von Oxfam berichtet beispielsweise von einem Reisbauernprojekt. Oxfam unterstützte lokale Kooperativen auf dem Land, bessere Anbaumethoden für den Reis einzuführen und ihn besser zu vermarkten. „Aber die Reisbauern können nicht mit den hoch subventionierten Reisbauern der USA konkurrieren, die mittels Exportsubventionen ihre Überschüsse auf dem haitischen Markt loswerden“, sagte Brey dem Tagesspiegel. Ein klassisches Motiv der Entwicklungshilfe: Die Regierungspolitik in einem Politikfeld – Landwirtschaft – untergräbt ein anderes – Entwicklungshilfe.

Ruth Levine vom Center for Global Development sagt mit Blick auf die Erdbebenhilfe: „Das Letzte, was Haiti jetzt braucht, sind viele wohlmeinende Menschen, die ohne Erfahrung im Land ankommen.“ Tatsächlich tun sich sogar die erfahrenen Helfer schwer, in Haiti irgendetwas zu verändern. Manchmal ist es schlichte Konkurrenz zwischen den NGOs, manchmal müssen sie auch feststellen, dass lokale Partnerorganisationen korrupt sind. Elizabeth Ferris vom Washingtoner Think Tank Brookings Institution verlangt, dass die UN die Hilfe koordinieren müssten. Denn „es herrscht Einigkeit, dass Koordination dringend notwendig ist. Aber niemand möchte wirklich koordiniert werden.“

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