Erdbeben-Katastrophe : Kritik am US-Krisenmanagement in Haiti

Während zehntausende Opfer des Erdbebens in Haiti noch immer auf Hilfe warten, gibt es wachsende Kritik am Krisenmanagement der USA. Flugzeuge mit Hilfsgütern durften in Port-au-Prince nicht landen, weil Washington die Truppen aufstockt.

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Verzweifelt. In Port-au-Prince versuchen Menschen Waren aufzufangen, die von Plünderern aus einem Gebäude geworfen werden. Foto:...EPA

Berlin - Während zehntausende Opfer des Erdbebens in Haiti noch auf Hilfe warten, gibt es wachsende Kritik am Krisenmanagement der USA. Am Flughafen der Hauptstadt Port-au-Prince, der von den USA kontrolliert wird, konnten mehrere Flugzeuge mit dringend benötigten Hilfsgütern am Wochenende nicht landen.

Besonders scharfe Kritik am US-Krisenmanagement kam aus Frankreich. Es fehle an Urteilsfähigkeit, sagte der Entwicklungs-Staatssekretär Alain Joyandet. Am Freitag habe ein französisches Flugzeug mit einem Feldhospital und zehn Chirurgenteams keine Landeerlaubnis in Port-au-Prince bekommen, erklärte Joyandet. Die Verhandlungen mit den Amerikanern hätten bis zum Einbruch der Nacht gedauert, doch das Flugzeug habe nach Santo Domingo umgeleitet werden müssen. Ein Frachtflugzeug der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“, das ein mobiles Krankenhaus und lebensrettende medizinische Ausrüstung an Bord hatte, durfte am Samstag ebenfalls nicht in Port-au-Prince landen. Auch dieses Flugzeug wurde in die Dominkanische Republik umgeleitet, von wo aus die gesamte Ausrüstung auf dem Landweg ins Erdbebengebiet transportiert werden musste. „Wir appellieren an die Verantwortlichen im US-Verteidigungsministerium und bei den Vereinten Nationen, dass Frachtflugzeuge mit lebensrettenden medizinischen Materialien an Bord eine Landeerlaubnis erhalten“, sagte Christiane Winje, Sprecherin von Ärzte ohne Grenzen, dem Tagesspiegel. Am Sonntag konnten eine weitere Maschine von Ärzte ohne Grenzen und ein Flugzeug mit einer mobilen Klinik des Deutschen Roten Kreuzes in Port-au-Prince landen.

Der Grund für die Probleme liegt offenbar hauptsächlich darin, dass die USA die Zahl ihrer Truppen im Erdbebengebiet massiv aufstocken. Bis zu diesem Montag sollen etwa 10 000 US-Soldaten vor Ort sein. 200 Starts und Landungen gebe es täglich in Port-au-Prince, sagte Jarry Emmanuel vom Welternährungsprogramm der „New York Times“. „Aber die meisten dieser Flüge sind für das US-Militär.“ Dessen Priorität sei die Sicherheit des Landes, die Priorität der Helfer sei es, die Menschen im Land mit Nahrungsmitteln zu versorgen. „Wir müssen diese beiden Prioritäten zusammenbringen“, mahnte Emmanuel. US-Außenministerin Hillary Clinton hatte am Samstag bei einem Besuch in Haiti langfristige Hilfe zugesagt. Am Sonntag traf UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in Port-au-Prince ein.

Während die Hilfe für die Erdbebenopfer am Wochenende schleppend anlief, fehlte es vielen Menschen noch immer am Nötigsten: Nach Angaben von Hilfsorganisationen sind bis zu eine Million Menschen dringend auf Zelte, Nahrung und Trinkwasser angewiesen. In Port-auPrince kam es zu Plünderungen. Die Polizei eröffnete das Feuer auf eine Gruppe von Plünderern und tötete mindestens einen von ihnen. Das genaue Ausmaß der Katastrophe ist nach wie vor nicht überschaubar. Jüngsten Schätzungen zufolge könnten bis zu 200 000 Menschen ums Leben gekommen sein. Doch es gab immer noch Anlass zur Hoffnung: Am Sonntag wurden drei Menschen, darunter ein siebenjähriges Mädchen, lebend aus den Trümmern eines Supermarktes gerettet.

An diesem Montag beraten sowohl der UN-Sicherheitsrat als auch die EU-Entwicklungsminister über Hilfen für Haiti. n. In der Dominikanischen Republik soll auf einem internationalen Treffen außerdem die Koordination der Hilfe geplant werden. mit dpa/rtr

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