Erdbeben : Türkei nimmt jetzt doch ausländische Hilfe an

Einige Tage hat die Türkei gezögert, ausländische Hilfe zur Versorgung der Erdbebenopfer anzunehmen. Jetzt hat der Vizepremier eingeräumt, dass sich die Regierung verkalkuliert hat. Die ersten Wohncontainer kommen aus Israel.

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Nach dem Erdbeben in der Türkei lebt diese Familie in einem Zelt. Fast 500 Menschen starben bei dem schweren Beben im Osten der Türkei, Tausende wurden verletzt. Viele verloren ihre Häuser.Weitere Bilder anzeigen
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24.10.2011 09:25Nach dem Erdbeben in der Türkei lebt diese Familie in einem Zelt. Fast 500 Menschen starben bei dem schweren Beben im Osten der...

Nach tagelangem Zögern nimmt die Türkei jetzt doch ausländische Hilfe zur Versorgung der Erdbebenopfer im Osten des Landes an und bittet vor allem um Zelte und Wohncontainer. Nachdem es in der bitter kalten Erdbebenregion schon seit Tagen immer wieder Schlägereien um die verfügbaren Zelte gibt, hat die Regierung in Ankara jetzt auch offiziell zugegeben, dass sie das Problem nicht allein bewältigen kann. Der erste Staat, der Wohncontainer auf die Reise nach Ostanatolien schickt, ist Israel trotz der Krise in den Beziehungen mit der Türkei. Dass der Erdbebenhilfe auch ein politisches Tauwetter zwischen beiden Staaten folgt, ist aber unwahrscheinlich.

"Wir haben nicht mit dem riesigen Bedarf an Zelten gerechnet." Mit diesem Satz räumte der für die Erdbeben-Hilfsaktion zuständige Vizepremier Besir Atalay im Ankaraner Parlament ein, dass sich die Regierung in einem wichtigen Bereich der Versorgung der Überlebenden verkalkuliert hat.

Mehr als zehntausend Zelte sind nach Regierungsangaben seit dem Beben von Sonntag in die ostanatolische Unglücksprovinz Van nahe der Grenze zu Iran geschickt worden, auf Fußballplätzen und anderen öffentlichen Flächen entstanden Zeltstädte. Und doch müssen nach wie vor tausende Menschen die kalten Nächte im Freien verbringen.

Kritiker sprechen vom Versagen des Staates, die Ressourcen an die richtige Stelle zu bringen. Es soll Dörfer geben, die bisher noch kein einziges Zelt erhalten haben. Kurdische Medien wollen sogar politische Motive hinter dem Chaos in der vorwiegend kurdisch besiedelten Region ausgemacht haben: Der türkische Staat wolle nicht allzu großzügig sein, weil er befürchte, dass die Kurdenrebellen von der PKK am Ende von der Hilfe profitieren könnten.

Wahrscheinlicher ist, dass die Ankaraner Bürokratie schlecht vorbereitet war. Regierungsvertreter sagten, sie hätten nicht erwartet, dass viele Erdbebenopfer lieber ein Zelt in der Nähe ihres beschädigten oder zerstörten Hauses aufbauen wollten, statt in die Zeltstädte zu ziehen. Der türkische Journalist Mehmet Ali Birand berichtete unterdessen von einem florierenden Schwarzmarkt für Zelte in der Erdbebenregion und davon, dass einige Bauern die frisch ergatterte Zelte als Viehställe benutzten. Es tobt ein Krieg um Zelte, schrieb Birand in einer Facebook-Mitteilung aus dem Unglücksgebiet.

Ohnehin sind Zelte im herannahenden Winter nicht die beste Lösung, Fertigbau-Häuschen oder Wohncontainer bieten mehr Schutz gegen Kälte, Schnee und Regen. Der Mangel an geeigneten Unterkünften bewirkte nun eine 180-Grad-Wendung der Regierung: Bisher hatte die Türkei ausländische Hilfe abgelehnt, nun wurden fast 30 Länder um mobile Notunterkünfte gebeten, wie ein türkischer Diplomat am Mittwoch unserer Zeitung bestätigte.

Auch Israel und Armenien sind unter diesen Ländern. Beide Nationen hatten der Türkei trotz bestehender politischer Streitigkeiten mit Ankara unmittelbar nach dem Beben ihre Hilfe angeboten. Israel reagierte sogar mit persönlichen Kontakten auf höchster Ebene: Präsident Schimon Peres rief seinen türkischen Kolegen Abdullah Gül an, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sprach mit Premier Recep Tayyip Erdogan. Dabei erwähnte er auch die türkische Hilfe bei den schweren Waldbränden in Israel im vergangenen Jahr.

Nun revanchiert sich Israel für diese Unterstützung. Schon gestern sollte das erste israelische Flugzeug mit Wohncontainern in Richtung Türkei starten, weitere sollen in den kommenden Tagen folgen.

Die Chancen, dass die Hilfe in der Not auch zu einem politischen Tauwetter zwischen den einstigen Partnern Türkei und Israel führen kann, stehen aber nicht besonders gut. Die Türkei, die erst im vergangenen Monat den israelischen Botschafter aus dem Land warf, fordert nach wie vor eine israelische Entschuldigung für den Tod von neun türkischen Aktivisten beim israelischen Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte im vergangenen Jahr. Solange Israel das ablehnt, ist eine Normalisierung der Beziehungen aus türkischer Sicht ausgeschlossen.

Außenminister Ahmet Davutoglu deutete an, dass auch die israelische Unterstützung für die Erdbebenopfer in Van daran nichts ändern wird. Ob Israel jetzt hilft oder nicht das ändert nichts an unserer grundsätzlichen Haltung, sagte er Minister der Zeitung Posta vom Mittwoch.

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