Erderwärmung : Niger: Wo der Klimawandel Realität ist

Der Klimawandel betrifft vor allem Länder wie Niger. Die Bevölkerung dort versucht, CO2 zu sparen - obwohl die Industriestaaten das größere Problem sind. Ein Gastbeitrag.

Amadou Dan Kouré
Ein Flüchtlingslager in Niger.
Ein Flüchtlingslager in Niger.Foto: picture alliance / dpa

Krankenhäuser in kleinen staubigen Städten, kleine Kinder, die neben ihren Müttern in den Betten liegen und deren schwere Mangelernährung für jedermann sichtbar ist. Die Haut spannt sich dünn über ihre mageren Knochen, Plastikschläuche verdecken ihren kleinen Gesichtern. Ein paar werden überleben, andere nicht. Niger ist eines der ärmsten Länder der Welt mit einer der höchsten Kindersterblichkeitsraten. Jedes zehnte Kind erlebt seinen fünften Geburtstag nicht. Das hat verschiedene Gründe. Armut, hohes Bevölkerungswachstum und fehlendes Wissen über Ernährung sind wichtige Ursachen.

In meinen dreizehn Jahren bei "Care" habe ich aber auch miterlebt, wie extreme Wetterverhältnisse und Dürreperioden Gemeinden immer wieder zurückwerfen. Armut und Hunger hängen in diesem Teil der Welt fast immer auch mit dem Klimawandel zusammen. Niger ist davon besonders stark betroffenen. Ganze Dörfer müssen mit immer weniger Wasser auskommen, da die Regenperioden kürzer werden und sich kaum noch vorhersagen lassen. Eine Katastrophe für das Wüstenland, in dem sowieso nur zwölf Prozent der Böden fruchtbares Ackerland sind. Trotzdem arbeiten 80 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft und sind von ihr für Nahrungsmittel und Einkommen abhängig. Die Dürren lassen ihre Ernten vertrocknen. Ergebnis: Niger hat eine der höchsten Armuts- und Unterernährungsraten der Welt.

Für die Menschen in Niger ist der Klimawandel nicht abstrakt. Im Gegenteil. Er ist tägliche Realität mit ganz konkreten Folgen. Wenn der Regen ausbleibt und sich die Jahreszeiten verändern, leiden darunter Ernte und Viehzucht. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte.

Die Gemeinden wehren sich

Denn die Gemeinden sehen nicht tatenlos diesen Veränderungen zu, sie wehren sich. Sie suchen nach Möglichkeiten sich an den Klimawandel anzupassen. Sie wägen die Risiken ab, schützen sich selbst und ihre Nachbarn und werden widerstandsfähiger. In den letzten Jahren hat "Care" den Gemeinden dabei geholfen, die größten klimabedingten Risiken für ihre Dörfer zu benennen. Wir untersuchen verschiedene Gefahren und entwerfen dazu Lösungsszenarien. Was können die Menschen tun, wenn es weniger regnet? Wie können sie ihre Tiere vor dem Hungertod retten, wenn kein Gras mehr wächst? Welche alternativen Einkommensquellen gibt es, wenn keine Ernte auf dem Markt verkauft werden kann? Solche und andere Pläne zur Anpassung an den Klimawandel waren bisher sehr erfolgreich.

"Care" hat mit der Unterstützung betroffener Gemeinden große Fortschritte erzielt. Sie sind besser angepasst und auf kommende Klimakatastrophen vorbereitet. Wenn ich mit Frauen und Männern in den entlegensten Dörfern in Niger zusammensitze, vergesse ich leicht, dass dieses Land in jeglichen Ranking zu Entwicklung und Armut sehr schlecht abschneidet. Denn neben mir sitzen starke Männer und Frauen, die zusammenhalten. Menschen, die begierig nach Wissen, nach verbesserten technischen Methoden und dürreresistentem Saatgut streben. Gemeinden, die Fremden erklären, was Klimawandel bedeutet. Frauen, die sich durch gemeinsames Sparen in Kleinspargruppen selbst eine Zukunftsperspektive schaffen. Durch ein alternatives Einkommen müssen sie und ihre Kinder in den Dürrezeiten nicht hungern. Vor allem aber sehe ich Menschen, die für ihre Dörfer kämpfen. Mütter und Väter, die ihr Dorf nicht verlassen, sondern die um jeden Preis an dem Ort bleiben wollen, den sie seit Jahrzehnten ihr Zuhause nennen.

Sie wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen

Vor ein paar Wochen schlug eine Gruppe Frauen "Care" und anderen Hilfsorganisationen vor, sie mit Gaskochern zu unterstützen, damit sie nicht länger auf Feuerholz angewiesen sind. Sie waren besorgt, dass die Herstellung von Holzkohle mehr CO2 produzieren und daher der Natur größeren Schaden zufügen würde. Es tut weh mit anzusehen, wie diejenigen, die am wenigsten Schuld am Klimawandel tragen, versuchen ihren winzigen Beitrag noch zu reduzieren. Schließlich sind die reichsten zehn Prozent der Länder alleine für die Hälfte aller Abgase verantwortlich. Gleichzeitig erfüllt es mich mit Stolz, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen wollen.

Die Anpassung an den Klimawandel ist möglich. Wenn Gemeinden bessere Techniken erlernen und Pläne zur Vorbeugung entwickeln, überleben sie nicht nur die Dürre, sondern sie können manchmal sogar wirtschaftlich wachsen. Wir müssen uns daher noch mehr auf technische Innovationen konzentrieren, die Widerstandsfähigkeit stärken und die Schutzmaßnahmen ausbauen. "Care" und andere Organisationen fordern die internationale Gemeinschaft dazu auf, die finanziellen Mittel für die Anpassung an den Klimawandel aufzustocken. Bis 2020 sollten die Industrieländer dafür rund 30 Milliarden Euro zur Verfügung stellen. 

Ich hoffe sehr, dass die Entscheidungsträger auf der internationalen Ebene verstehen, dass Prävention der Schlüssel zur Verhinderung weiterer irreparabler Schäden ist. Vorbeugende Maßnahmen retten Leben und kosten weniger, als darauf zu warten, dass die Gemeinden immer und immer wieder unvorbereitet von Klimakatastrophen getroffen werden.

Der Autor arbeitet für "Care" in Niger.

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