Erdogan-Besuch : Merkel: „Es ist unser gemeinsames Land“

09.02.2008 00:00 UhrVon Hans Monath

Die deutsche Kanzlerin und der türkische Ministerpräsident werben vor Schülern für Integration. Vor dem Hintergrund der Brandkatastrophe in Ludwigshafen schlagen beide Merkel und Erdogan versöhnliche Töne an.

Berlin - Die Kanzlerin war zufrieden: „Das sieht ja ganz gut aus“, lobte Angela Merkel, als hunderte deutsche und türkische Schüler den Arm in die Höhe streckten und damit die Frage beantworteten, wie viele von ihnen jeweils Freunde aus der anderen Nation gefunden hätten. In normalen Zeiten wäre das Gespräch Merkels und des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan mit den jungen Menschen aus Berliner Schulen als Routinetermin abgehakt worden. Wenige Tage nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen aber kam der Begegnung im Kanzleramt eine besondere Bedeutung zu – und beide Politiker nutzten die Gelegenheit, um die aufgewühlten Gemüter zu beruhigen und für Integration zu werben.

Der Brand habe „uns alle in Deutschland sehr erschüttert“ und werde so schnell wie möglich aufgeklärt, versicherte die Kanzlerin und forderte die Schüler zu einer Gedenkminute für die Opfer auf. Eine Stunde lang stellte sich Merkel den Fragen von Casu, Seyhan, Erhan, Tolgay und Seyhan, die sie fast durchgehend duzte. „Es ist unser gemeinsames Land“, sagte die Politikerin, Integration sei aber „keine Einbahnstraße“ und deshalb müssten alle die deutsche Sprache lernen. Die beherrschten die Eingeladenen ohnehin souverän. Viel Beifall gab es für Merkels Bekenntnisse, kritische Nachfragen blieben weitgehend aus.

Der Besucher aus Ankara warb wie schon am Vortag beim Besuch in Ludwigshafen um Besonnenheit, lobte die deutsche Polizei und Feuerwehr und dankte für „die große Aufmerksamkeit und das große Verantwortungsbewusstsein“ seiner Gastgeber. Die Medien warnte Erdogan davor, die Katastrophe ohne jeden Beleg zur politischen Tat zu stempeln. Sobald die Brandursache geklärt sei, werde dies „die türkische und deutsche Gesellschaft aufatmen lassen“, sagte er: „Das wird dann ein wichtiger Schritt der Integration sein.“

Ihre türkische Identität und den Stolz auf ihre türkische Herkunft sollen die Türken der dritten Generation in Deutschland nach Erdogans Meinung aber keinesfalls ablegen: „Ja zur Integration, aber nein zur Assimilation“, sagte der Gast. Nur an einer Stelle fiel der Ministerpräsident etwas aus der Rolle, nämlich als er türkischsprachige Gymnasien und andere Bildungseinrichtungen in Deutschland forderte. „Wenn Sie versuchen, das zu verhindern, dann machen Sie einen Fehler“, sagte er.

Die Kampagne des Wahlkämpfers Roland Koch gegen kriminelle Ausländer, die ein Erdogan-Berater für die gereizte Stimmung der Türken verantwortlich gemacht hatte, kam bei dem Treffen mit den Schülern nicht zur Sprache. Erdogan nutzte auch einen späteren Presseauftritt nicht dazu, den Vorwurf zu bestätigen. Die häufig mit Vorurteilen konfrontierten jungen Türken („Man wird sehr oft abgestempelt als Dorfmensch, der keine Bücher liest“) waren da schon mit einer nachdrücklichen Kanzlerinnenempfehlung nach Hause gegangen: „Mein Rat ist Selbstbewusstsein.“

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