Politik : Erdogan: Papst ist für unseren EU-Beitritt

Benedikt revidiert offenkundig seine Haltung bei Türkeibesuch / Für einen Dialog der Religionen

Thomas Seibert[Istanbul]

Papst Benedikt XVI. hat zum Auftakt seines viertägigen Türkei-Besuches zu einem „authentischen Dialog zwischen Christen und Moslems“ aufgerufen. Dabei müsse Trennendes, aber auch Gemeinsames zum Ausdruck kommen, sagte der Papst am Dienstag bei einem Treffen mit dem Chef des türkischen Religionsamtes, Ali Bardakoglu, in Ankara. Nach türkischen Angaben bekannte sich Benedikt zudem mehrmals zum Ziel der türkischen EU-Mitgliedschaft, die er bisher strikt abgelehnt hatte. Vatikan-Sprecher Federico Lombardi erklärte dazu, die katholische Kirche wolle nicht in einen politischen Prozess wie die türkische EU-Bewerbung eingreifen, unterstütze aber die Annäherung der Türkei an Europa auf der Grundlage gemeinsamer Werte.

Das Treffen Benedikts mit Bardakoglu war mit Spannung erwartet worden: Bardakoglu gehörte im September zu den schärfsten Kritikern der Regensburger Rede des Papstes. Nun betonte der Papst das Gemeinsame von Christen und Islam sowie seinen Respekt vor dem Islam und der Türkei. Bardakoglu sprach die Regensburger Rede des Papstes nicht direkt an, beklagte aber eine wachsende „Islamophobie“ im Westen.

Bei seiner Ankunft in Ankara war der Papst überraschend von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan persönlich empfangen worden; Erdogan hatte ein Treffen mit dem Papst lange verweigert und sich erst in den letzten Tagen zu einer Zusammenkunft mit Benedikt entschlossen. Mit dieser Geste versuchte Erdogan, den vor allem im westlichen Ausland entstandenen Eindruck zu zerstreuen, der Papst sei in der Türkei unerwünscht. Am Wochenende hatten in Istanbul rund 30 000 Anhänger einer islamistischen Partei gegen den Papstbesuch demonstriert. Erdogan kritisierte die Proteste als „engstirnig“.

Nach einer zwanzigminütigen Begegnung mit dem Papst am Flughafen sagte Erdogan, der Papst habe im Gespräch seine Unterstützung für das türkische EU-Streben signalisiert. „Ich bin zwar kein Politiker, aber ich wünsche mir, dass die Türkei in die EU kommt“, zitierte Erdogan den Papst. Benedikts pro-türkische Stellungnahme sei im Protokoll des Gesprächs festgehalten worden, sagte der Premier. Türkische Medien berichteten, auch im späteren Gespräch mit dem türkischen Staatspräsidenten Ahmet Necdet Sezer habe der Papst erklärt, der Platz der Türkei sei in der EU. Benedikts positive Äußerungen in dieser Frage stehen im krassen Gegensatz zu der ablehnenden Haltung, die der Papst als Kardinal Ratzinger bis zu seiner Wahl im vergangenen Jahr vertreten hatte. Damals hatte er gesagt, eine Aufnahme der muslimischen Türkei in die EU wäre ein „schwerer Fehler“.

Am Mittwoch will Benedikt in Ephesus das „Marienhaus“ besuchen, in dem Maria nach dem Tod Jesu den Rest ihres Lebens verbracht haben soll.

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