Politik : Erdogans Krieg

Die Opposition gegen Assad hofft auf De-Facto-Schutzzone – doch Ankaras Mittel könnten zu Ende gehen.

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Im Anschlag: Ein türkischer Soldat auf Posten in Akcakale, wo mehrere Türken durch syrische Geschosse starben. Foto: Bulent Kilic/AFP Foto: AFP
Im Anschlag: Ein türkischer Soldat auf Posten in Akcakale, wo mehrere Türken durch syrische Geschosse starben. Foto: Bulent...Foto: AFP

Der Artillerie-Beschuss der türkischen Armee auf Ziele in Syrien in den vergangenen Tagen hat bei der syrischen Opposition die Hoffnung auf eine Stärkung der Rebellen im Kampf gegen die Regierungstruppen von Präsident Baschar Al-Assad geweckt. „Eine De-Facto-Schutzzone entsteht“, sagte der syrische Ex-Botschafter Bassam Imadi am Freitag dem Tagesspiegel in Istanbul. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan machte deutlich, dass sein Land zu erneuten Vergeltungsschlägen bereit ist – auch angesichts von Befürchtungen, dass Assad die Türkei in einen „Vietnam-ähnlich Sumpf“ locken will, wie eine regierungsnahe türkische Zeitung warnte. Erdogan sagte, die Türkei wolle keinen Krieg, weiche ihm aber auch nicht aus.

Nach türkischen Medienberichten haben sich syrische Truppen nach dem türkischen Beschuss in der Gegend um die Grenzstadt Akcakale – am Freitagabend schlug erneut eine syrische Artilleriegranate in der Türkei ein, diesmal in der Grenzprovinz Hatay im Süden – bis zu 20 Kilometer tief ins Landesinnere zurückgezogen. Die Piloten syrischer Militärflugzeuge erhielten demnach den Befehl, einen zehn Kilometer tiefen Gebietsstreifen entlang der Grenze zu meiden.

Türkische Artillerie hatte nach dem Tod von fünf Menschen durch syrische Geschosse in Akcakale einige Stellungen der Syrer eine ganze Nacht lang unter Feuer genommen. Drei Panzer, zwei gepanzerte Fahrzeuge und ein Artilleriegeschütz der Syrer seien dabei zerstört werden, meldete die türkische Zeitung „Milliyet“.

Die türkische Gegenreaktion habe die Syrer erst einmal aus der Nähe der Grenze vertrieben, sagte Veysel Ayhan, Direktor der Denkfabrik Zentrum für Internationale Nahost-Friedensforschung in Ankara. „Die türkische Vergeltungsaktion erschwert es den syrischen Truppen, in Grenznähe zu operieren“, sagte Ayhan am Freitag dem Tagesspiegel. Laut „Milliyet“ sind die Rebellen auf der syrischen Seite der Grenze bei Akcakale seit dem Einsatz der türkischen Artillerie nicht mehr von den Regierungstruppen angegriffen worden.

Einen nicht zu unterschätzenden „psychologischen Effekt“ des türkischen Feuerschutzes auf die syrischen Rebellen sieht Nahost-Experte Ayhan. Auch praktische Vorteile werde dies haben: So werde der Nachschub für die Regimegegner einfacher. Auch der Oppositionspolitiker Imadi, der beim Dachverband Syrischer Nationalrat (SNC) für Außenpolitik zuständig ist, sieht in der inoffiziellen Pufferzone bei Akcakale Hilfe für den syrischen Widerstand. „Die Zone ist zwar nicht so tief, wie die Türkei und die Rebellen es gerne hätten, aber wir werden sehen, was sich noch so entwickelt.“

Was sich sonst noch so entwickeln könnte, sind neue Zusammenstöße zwischen Türken und Syrern. Die Syrer müssen seit dem türkischen Parlamentsbeschluss über ein Auslandsmandat für die türkische Armee damit rechnen, das die Türkei militärisch reagiert. Zumal Erdogan klarmachte, dass die syrischen Regimegegner auch weiterhin mit der Unterstützung Ankaras rechnen könnten. Damaskus spreche von Rebellen, sagte Erdogan – für die Türkei handele es sich um Widerstandskämpfer und Opfer des Regimes.

Nahost-Experte Ayhan vermutet, dass die türkischen Planer bei der Vergeltungsaktion von Akcakale bereits den Gedanken an die „De-Facto-Schutzzone“ im Kopf hatten. „Sie haben nicht irgend etwas angegriffen, sondern ausgesuchte Ziele“, sagte er über die türkischen Militärs. Zumindest entspreche die Vertreibung der Regierungstruppen aus der Nähe der Grenze den Leitlinien der türkischen Syrien-Politik. Ankara fordert schon seit langem die Einrichtung von Schutzzonen unter UN-Schutz in Syrien.

In der Türkei selbst stößt Erdogans Kurs aber auf große Skepsis. Tausende von Demonstranten protestierten in Istanbul, Ankara und anderen Städten gegen den „Krieg der AKP“ in Syrien. Weitere Kundgebungen sind für die kommenden Tage geplant. Selbst regierungsnahe Beobachter mahnen: Damaskus wolle die Türkei in einen Krieg hineinziehen, um den inneren Konflikt in Syrien zu internationalisieren, kommentierte die Zeitung „Today’s Zaman“ am Freitag.

Erdogan sei sich des Risikos bewusst, meint der Istanbuler Politologe Sahin Alpay. Deshalb glaube er nicht, dass sich die Türkei zu militärischen Alleingängen hinreißen lasse. Bei aller Sympathie für die syrische Opposition seien die Hoffnungen auf eine Pufferzone an der Grenze womöglich übertrieben. „Ohne eine internationale Initiative wird die Türkei nichts in Syrien unternehmen.“ Ankara habe mit der Aufnahme der Flüchtlinge, der politischen Unterstützung für die syrischen Regimegegner und mit politischem Engagement für eine Lösung auf internationalem Parkett getan, was in ihrer Macht stehe. „Ich glaube nicht, dass wir noch weiter gehen können.“

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