• Erdverbunden - Dass der Bundestag über ein Kunstprojekt diskutiert, ist ein Fortschritt (Kommentar)

Politik : Erdverbunden - Dass der Bundestag über ein Kunstprojekt diskutiert, ist ein Fortschritt (Kommentar)

Peter von Becker

Politiker diskutieren und urteilen einmal nicht über Krieg und Frieden, Straßenbau oder Steuern, sondern über Kunst. Das wirkt in Deutschland noch immer wie ein Seitensprung. Die Sache gilt zwar nicht als unzüchtig, aber als unbotmäßig, um nicht zu sagen: illegitim. Zum einen passiert es selten, vor allem im Deutschen Bundestag, wo gestern der Streit um Hans Haackes Installation "Der Bevölkerung" die Abgeordneten im Plenum beschäftigte. Zum anderen geraten schnell alarmistische Untertöne in die Debatte.

Das intellektuelle juste milieu der Bundesrepublik (insoweit ungeteilt in Ost und West) hält deutsche Politiker in der Regel für zu banausenhaft oder gar für zu gefährlich, um ihnen beim Thema Kunst eine Mitsprache jenseits der Pflicht zur Subventionierung zu überlassen. So wird auch bei der jüngsten Debatte geargwöhnt, es werde durch eine politische Entscheidung über Haackes Reichstags-Projekt die grundgesetzlich garantierte Freiheitssphäre der Kunst tangiert und über den Wert eines Werks gleichsam populistisch-plebiszitär gerichtet. Kommt dieses Moment ins Spiel, dann ist man rasch auch in den Gespensterräumen der deutschen Geschichte, wo der Satz eines deutschen Politikers nachhallt: Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Browning. Der Revolverheld hieß Göring.

Göring war einmal Reichstagspräsident. Heute heißt der Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Er ist der Hausherr im Parlament und zugleich Vorsitzender des Bundestags-Kunstbeirats. Dieses von Abgeordneten aller Parteien gebildete Gremium hatte im letzten November entschieden, dass zur Dekoration eines Lichthofs im renovierten Reichstagsgebäude Hans Haackes 21 Meter langer, mit Erde aus allen Bundestagswahlkreisen gefüllter Holztrog installiert werden sollte. Zahlreiche Abgeordnete, buchstäblich querbeet durch die Parteienlandschaft, kündigten hierauf an, den Transport ihrer Heimaterde nach Berlin zu verweigern: Haacke produziere hier "Biokitsch".

Zudem erregt die als Zierde des Erdbeets geplante Leuchtschrift "Der Bevölkerung" Widerspruch. Haacke will damit die Widmung "Dem deutschen Volke" überm Portal des Reichtags konterkarieren. Diese sei allzu "völkisch" besetzt, die Staatsgewalt, die nach dem Grundgesetz vom deutschen Volke ausgeht, habe allen Menschen im Lande zu dienen.

Über Biokitsch und Biokunst läßt sich politisch (und ästhetisch) schwer rechten. Aber gerade wer den gesellschaftlichen Anspruch von Kunst im öffentlichen Raum ernst nimmt, kann dem Parlament hier das Recht zur Debatte nicht bestreiten. Es entspringt dem Hausrecht so gut wie dem Persönlichkeitsrecht jedes einzelnen Abgeordneten. Kein Künstler und kein Kunstbeirat kann die Politiker verpflichten, an dem interaktiven Werk mitzuwirken. Damit aber fällt die Grundidee. Und natürlich bedeutet eine parlamentarische Debatte über Kunst im Parlament nicht schon Populismus oder gar obrigkeitsstaatliche Zensur.

Wenn Kunst zur öffentlichen Sache wird in der neuen, jetzt immer wieder auch als Kulturmetropole beschworenen Hauptstadt, dann ist dies das Gegenteil machtgeschützter Innerlichkeit oder unkontrollierbarer Machtäußerung. Es ist vielmehr ein Stück Entprovinzialisierung. Schon bei den beiden vorangegangenen Berliner Kultur-Debatten im Bundestag - 1994 über Christos Reichstagsverhüllung, letztes Jahr über das Holocaust-Mahnmal - war der Abstand immens gegenüber den Zeiten, da ein Bundeskanzler die Dichter der Gruppe 47 als "Pinscher" verulkte und damit in der Kulturszene einen Proteststurm auslöste - als hätte der machtpolitisch wahrlich harmlose Erhard wieder die Geister von Goebbels und Göring wachgerufen.

Auch Haacke instrumentalisiert Gespenster. Denn die Widmung an das "Volk" auf dem Parlamentsportal entspringt historisch nicht einem Triumph der Reaktion, sondern signalisierte vor 1918 bereits die Emanzipation vom halbfeudalen Ständestaat zum demokratischen Souverän. Der demos, das Volk, ist eben kein Dämon.

Wenig souverän aber argumentieren jene Volksvertreter, die hinter dem leicht ironischen Anti-Pathos "Der Bevölkerung" gleich einen "verfassungswidrigen" Anschlag wittern. Nicht nur auf Haackes Heimaterde, auch auf dem Boden des Grundgesetzes sollte die Bevölkerungsverständigung gedeihen. Und unter der neuen Kuppel des Reichstags ist Raum für Bürger vieler Länder. So viel Globalisierung und Universalität muss sein. Auch in der Kunst der Politik.

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