Politik : Erfahrener Finanzmanager - Ulrich Cartellieri im Porträt

Thomas Kröter

Als Willy Brandt eine parteilose Griechin zur SPD-Sprecherin machen wollte, war dies der Anfang vom Ende seines Vorsitzes. Angela Merkel hat den letzten Schritt an die Spitze der CDU noch vor sich, aber schon packt sie der Mut zum Ungewöhnlichen: Ihr Kandidat für den Crash-Job des Schatzmeisters ist zwar in Erfurt geboren, stammt aber aus einer italienischen Kaufmannsfamilie, will noch in dieser Woche in die Frankfurter CDU eintreten und findet Gerhard Schröders "Green Card" für ausländische Computerspezialisten gut. Urich Cartellieri heißt er, war 16 Jahre lang im Vorstand der Deutschen Bank, und dürfte Merkels Wahlchancen nicht gefährden, sondern fördern: Nach dem eher biederen Generalsekretär Ruprecht Polenz aus dem Münsterland nun ein Hauch von Glamour aus der internationalen Hochfinanz.

Zu den vielfältigen Verpflichtungen des 62-Jährigen in Aufsichtsräten und Ehrenämtern zählen auch die Präsidentschaft der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und der Kuratoriumsvorsitz in der Nationalstiftung des sozialdemokratischen Ex-Kanzlers Helmut Schmidt. Warum er nicht zur SPD gegangen sei, habe am Morgen ein Bekannter auf dem Flughafen gefragt, berichtet der wohlgebräunte Grauhaarige mit der randlosen Halbbrille bei seiner Vorstellung in der Berliner CDU-Zentrale. Die Antwort ist in ein Thomas-Mann-Zitat verpackt: Wenn der Kahn sich nach links neigt, muss man sich nach rechts beugen. Über die "Degeneration des politischen Prozesses" schiebt er noch ein Wort des Ökonomie-Klassikers Joseph Schumpeter nach - um seiner neuen politischen Heimat sogleich einen erstaunlichen Erneuerungsprozess zu bescheinigen, getragen von einer "gesunden und sehr kraftvollen Basis". Und dann die Krönung, gewandt an seine Tischnachbarin Angela Merkel: Sein Engagement sei "vor allem ein sehr persönliches Votum für Sie". Die künftige CDU-Parteivorsitzende will nicht verraten, wie sie einander kennen gelernt haben, "jedenfalls nicht übers Internet".

In den politischen Gremien und dem Apparat der CDU werden sie nun einen politischen Seiteneinsteiger kennen lernen, der sich als Banker den Ruf erworben hat, knallhart zu sein. Keinen Zweifel lässt er daran: Da sitzt nicht nur der künftig oberste Spenden-Aquisiteur, der sein weitgespanntes Beziehungsgeflecht für die Partei nutzen wird, sondern auch einer der "Transparenz und perfekte Hygiene" im Finanzgebahren gewährleisten will. Da sitzt nicht nur einer, der mal für die Konzernfinanzierung und das Markt-Risikomanagement der Deutschen Bank zuständig war, sondern auch einer, der ins Präsidium der CDU seinen wirtschaftlichen Sachverstand einbringen will: "Mit der gebotenen Deutlichkeit." Darauf, setzt Angela Merkel hinzu, hoffe sie.

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