Erfahrungsbericht : Mit Gottes Segen durch Piratengewässer

Kapitän Paul Friedrich Bauer kennt die seelenzerfressende Angst vor Piratenattacken. Er ist regelmäßig vor Westafrika unterwegs.

Marc Mudrak

Berlin„Da werden die Wachen doppelt besetzt und an Deck bleiben Leute mit Funkgeräten stehen“, berichtet Bauer. Doch das bringe wenig. „Wir können höchstens versuchen, großen Abstand zu halten und dann Full-Speed irgendwo durchzufahren.“ Das Nervenkostüm ist ständig angespannt. Tausende Seeleute leiden unter den gleichen Ängsten wie Kapitän Bauer, selbst wenn sie bisher keinen Angriffen ausgesetzt waren.

Um diese oft traumatisierten Seefahrer kümmern sich die Mitarbeiter der evangelisch-lutherischen Deutschen Seemannsmission (DSM). Die DSM ist Teil eines weltweiten Netzwerks mit Anlaufstellen unter anderem in Afrika und Asien. In Deutschland gibt es 16 solcher Stationen, zum Beispiel in Bremen, Rostock und Hamburg. „Piraten – Bedrohung auf See“ heißt das neue Programm der Seemannsmission, das seit Juni 2009 läuft. „Wir rücken die Opfer der Piraterie damit noch stärker in den Fokus unserer Arbeit“, sagt Missionsmitarbeiter André Schlesselmann.

Pastoren und Diakone der DSM besuchen die Seefahrer auf den Schiffen, wenn sie in Deutschland vor Anker liegen. Die Methoden der Notfallseelsorge haben sie während ihrer geistlichen Ausbildung gelernt. Viel Zeit bleibt ihnen meist nicht an Bord, bald geht es für die Besatzungen weiter. Die Geistlichen versuchen mit den Seeleuten ins Gespräch zu kommen und deren Vertrauen zu gewinnen. „Das ist der einzige Weg, an die Piratenopfer heranzukommen, denn es schreit niemand ,Ich habe ein Problem‘ und rennt zu uns“, bedauert Schlesselmann.

Nach wochenlangen Fahrten seien viele Seefahrer froh, endlich mit jemandem in ihrer Muttersprache über die Erlebnisse sprechen zu können. Was dann folgt, ist eine oft komplizierte psychologische Arbeit der Seelsorger. Dabei helfe ihnen die Religion, denn viele Seefahrer seien Christen, sagt André Schlesselmann. Sie beten gemeinsam mit den Pastoren oder feiern Gottesdienste. So verarbeiten sie das Erlebte. Im Missionszentrum in Hamburg steht eine Kirche, anderswo gibt es Andachtsräume. „Aber unser Angebot richtet sich nicht an eine bestimmte Religion oder Nation“, betont der DSM-Mitarbeiter. Marc Mudrak

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