Erfolg bei der EM 2016 : Wie die Politik vom Fußball profitiert

Fußball lässt sich nicht politisch überhöhen. Dennoch zeigt diese EM, dass der Fußball den Franzosen guttut - gerade wegen des Triumphes gegen Deutschland. Ein Kommentar.

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Jubelnde Frankreich-Fans in Marseille.
Jubelnde Frankreich-Fans in Marseille.Foto: imago

Am Freitagmorgen traf sich der irische Außenminister Charles Flanagan im Berliner Außenamt mit seinem deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier. Es ging bei der Begegnung vor allem um den Brexit, aber eine Sache musste der Ire dann nach dem Treffen doch noch loswerden. Deutschland und Irland, stellte er fest, haben auch sportlich etwas gemeinsam – beide sind bei der Fußball-EM gegen Frankreich rausgeflogen. Natürlich ging auch Steinmeier auf das Halbfinale vom Vorabend ein. Wie es sich für einen Diplomaten gehört, beglückwünschte er die Franzosen und bedauerte das Ausscheiden des deutschen Teams, das ein „tolles Turnier“ gespielt habe.

Fußball ist Gesprächsstoff, gesellschaftliches Schmiermittel und, wenn er nicht gerade wieder einmal von Hooligans kaputtgemacht wird, ein wunderbarer Sport. Wie andere nutzen ihn auch Politiker, um ihre Volksnähe unter Beweis zu stellen. Für eine politische Überhöhung taugt er indes nur begrenzt.

Balsam für die französische Seele

Doch das ist nur die halbe Wahrheit, wie sich seit Donnerstagabend 22.53 Uhr herausstellt. Die Zahl der begeisterten Anrufe und SMSe aus Frankreich, aus denen nach dem Sieg der französischen Equipe die pure Freude spricht, macht deutlich, dass aus der Sicht der Franzosen hier etwas Wichtiges passiert ist. Nach 58 Jahren hat Frankreich wieder bei einem großen Turnier gegen Deutschland gewonnen.

Wer nun glaubt, dass dieser Erfolg gegen Deutschland, der – so hat man den Eindruck – fast schon so wichtig ist wie der eigentliche Gewinn des Titels, gar keinen Einfluss auf die französische Wirtschaft und Politik hat, der täuscht sich wahrscheinlich. Der Halbfinal-Erfolg wirkt wie Balsam für die französische Seele. Natürlich helfen Tore nicht gegen Terrorgefahr und Arbeitslosigkeit. Aber gut für die Moral im Land ist es schon, wenn „Les Bleus“ im Duell gegen Deutschland dieses Mal das bessere Ende für sich gehabt haben. Es wäre nicht überraschend, wenn sich das demnächst am Konsumklima-Index ablesen ließe.

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Weitere Prognosen gefällig? Frankreichs Präsident François Hollande könnte dank der EM demnächst einen kleinen Aufschwung in den Umfragen erleben. Allerdings weiß der Präsident am besten, dass der politische Effekt sportlicher Erfolge nur sehr flüchtig ist. Aus diesem Grund hat sich der Sozialist mit seiner Unterstützung für Pogba und Co. im Vergleich zu anderen Amtsvorgängern sehr zurückgehalten. Man erinnere sich beispielsweise an Jacques Chirac, der sich das blaue Shirt der Nationalelf gar nicht oft genug überziehen konnte. 1998, nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft im eigenen Land, zählte auch der damalige Amtsherr im Elysée-Palast zu den Gewinnern. Doch die Zeiten haben sich geändert: Während Chirac damals noch einen Popularitätswert von 50 Prozent verbuchte, vertrauen nur noch zwölf Prozent der Franzosen ihrem aktuellen Präsidenten. Gegen dieses Tief helfen auch keine Titel.

Gegen Hollandes Umfragen-Tief helfen auch keine Titel

Die Franzosen erleben in diesen Tagen aber etwas anderes, das sich in vielerlei Hinsicht deuten lässt: dass es nämlich noch eine andere Erzählung gibt in Europa als die der übermächtigen Deutschen, die sich am Ende doch immer irgendwie durchsetzen. Dass dabei ausgerechnet ein schmächtiger, schüchterner Spieler wie Antoine Griezmann eine Hauptrolle spielt, macht die Geschichte doppelt schön. Eine Geschichte, wie sie nur der Sport schreiben kann.

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