Politik : Erholungs-Diplomatie

Italiens Premier Berlusconi empfängt Putin – ganz privat?

Thomas Migge[Rom]

Am Abend wird Andrea Bocelli singen, der blinde Barde aus der Toskana, und Hits aus Puccini-Opern schmettern. Sonst aber soll Wladimir Putin, der von seiner Frau und den beiden Töchtern begleitet wird, in der Villa „La Certosa“ auf Sardinien, direkt an der mondänen Costa Smeralda, ein paar ruhige Tage verbringen. Das hat Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi „meinem Freund Wladi“ versprochen.

Mit dem zweiten Besuch der Familie Putin in der Sommerresidenz des reichsten Italieners übt sich Berlusconi erneut in seiner, wie er sie nennt, „ganz persönlichen Außenpolitik“. Deren Ziel sieht der Regierungschef darin, „in privatem Ambiente internationale Freundschaften zu schaffen und zu pflegen”. Berlusconi versteht sich als „Vermittler zwischen Ost und West“, eine Rolle, zu der er sich durch seine Freundschaften mit den Präsidenten George W. Bush und Putin berechtigt fühlt. Mit beiden versteht er sich gut, weil sie „eine ähnliche Auffassung von Politik haben wie ich“. Seit Berlusconi Italien regiert, gilt seine Leidenschaft der Außenpolitik; sechs Monate lang nahm er zugleich auch das Amt des Außenministers wahr. Seit er nur noch Regierungschef ist, gefällt es ihm, Kollegen zu sich einzuladen, um „in freundschaftlichem und ganz persönlichem Klima Kontakte zu knüpfen und für den Frieden in der Welt zu arbeiten“.

Am Freitag sprach sich Gastgeber Berlusconi für die Abschaffung der Visumpflicht für russische Bürger aus. Dem Gedanken an einen EU-Beitritt Russlands in weiterer Folge verlieh der italienische Regierungschef dabei einmal mehr Ausdruck. Die Regierungschefs von Rumänien, Ungarn, Spanien, des Libanons und sein politisches Vorbild Bush – sie alle waren schon privat zu Gast bei Berlusconi. Vor einer Woche kam auch der deutsche Innenminister Otto Schily vom Festland herüber. Die Atmosphäre in „La Certosa“ hat bereits neue Wortschöpfungen befördert: „Erholungsdiplomatie“ nennt Russlands Presse Putins Besuch auf Sardinien.

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