Eric Breininger : Der Dschihadist aus Deutschland

Fußballklub, Fitnessstudio, Sonnenbank – und Terrorcamp in Pakistan. Was dazwischen mit dem Kleinstadtjugendlichen Eric Breininger passiert ist, sei typisch, sagen Experten. Was sie verblüfft, ist das Tempo.

Philipp Lichterbeck[Neunkirchen / Saar]
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"Brandgefährlich." Eric Breininger. Das Foto stammt von einer Islamisten-Internetseite.

An einem Sommertag im Jahr 2007 steigt an der Petrusstraße 32 im Saarbrücker Vorort Dudweiler schwarzer Rauch auf. Im Hinterhof eines dreistöckigen Hauses hockt der 19-jährige Eric Breininger vor einem Feuer, in das er CDs und Videokassetten wirft. Es stinkt, nebenan fühlt sich der Friseur Ingolf Bungert davon belästigt. Er bittet Breininger, das Feuer zu löschen, doch der ignoriert ihn. In den folgenden Tagen verbrennt der Jugendliche, der kurz zuvor zum Islam konvertiert ist, weiteres Material. Bungert ruft den Hausbesitzer an. Der fragt, was Breininger da vernichte. Bungert antwortet im Scherz: „Die Pläne für den nächsten Al-Qaida-Anschlag.“ Heute sagt er: „Hätte ich das geahnt.“

Seit Ende September ist Eric Breininger einer der beiden meistgesuchten Männer Deutschlands. Mit seinem Freund Houssain Al Mallah steht er ganz oben auf der Fahndungsliste des Bundeskriminalamts. Rot umrandete Plakate mit Fotos des spätpubertären Breininger und des staatenlosen Al Mallah hängen auf Bahnhöfen und Flughäfen. Die beiden sind gemeinsam in einem Terrorcamp in Pakistan gewesen, und eine Zeit lang hatten die BKA-Fahnder befürchtet, sie seien auf dem Rückweg nach Deutschland.

Mittlerweile glauben sie das wohl nicht mehr, die eigens eingerichtete BKA-Sonderkommission ist Anfang vergangener Woche aufgelöst worden. Die „Öffentlichkeitsfahndung“ jedoch wird aufrechterhalten, die Suche nach Breininger geht weiter, weniger aufwendig, innerhalb der „normalen Regelorganisation“. Denn, wo auch immer Breininger und Al Mallah sind, die Fahnder glauben, dass sie einen Auftrag haben.

Breininger soll sich in die Luft sprengen, der zwei Jahre ältere Al Mallah ihn anleiten. Auf islamistischen Webseiten hat Breininger mit Turban und Kalaschnikow bereits angekündigt: „So Allah will, wird er mich als Dschihadi zu sich nehmen.“ Der Junge sei „brandgefährlich“, sagt ein hochrangiger Sicherheitsbeamter. „Er ist der nützliche Idiot.“ Auf die Frage, wie der unauffällige Kleinstadtjugendliche zum mutmaßlichen Terroristen wurde, hat er eine Antwort: Zufall.

Der folgende Versuch, den Lebensweg Eric Breiningers nachzuzeichnen, setzt sich aus Gesprächen mit den Sicherheitsbehörden, mit Bekannten und Nachbarn Breiningers, sowie aus verschiedenen Medienberichten zusammen. Die Geschichte beginnt im saarländischen Neunkirchen. Die 50 000-Einwohner-Stadt war früher für ihre Eisenhütte und als Geburtsort Erich Honeckers bekannt. Heute stehen hier das meistbesuchte Shoppingcenter des Saarlands sowie das erste deutsche Hooters-Restaurant, eine Burger-Kette, bei der die Brüste der Kellnerinnen im Vordergrund stehen. Vom Niedergang der Stahlproduktion in den 80er Jahren hat sich die Stadt relativ gut erholt, die Arbeitslosigkeit liegt mit sieben Prozent im saarländischen Mittel.

Eric Breininger wird hier am 3. August 1987 geboren und verbringt eine Jugend wie Tausende andere. In der Grundschule ist er Durchschnitt, mit sechs Jahren beginnt er Fußball zu spielen, mit neun geht er in den Verein. Vier Jahre kickt er beim Traditionsklub Borussia Neunkirchen. Obwohl er dort Mannschaftskapitän ist und es zeitweilig sogar in die Saar-Auswahl schafft, erinnern sich ältere Spieler heute kaum an ihn. „Er war wie viele“, sagt einer. „Mit der Pubertät hat er sich für andere Dinge interessiert. So ist das.“ Breininger lässt sich treiben, trifft sich mit seiner Clique auf dem Basketballplatz, fährt Inline-Skates und verbringt die Sommer im Schwimmbad. Daheim ist er selten.

Breininger lebt gemeinsam mit seiner Schwester und seiner Mutter in einer Wohnung am Rande Neunkirchens, wo die Stadt in bewaldete Hügel übergeht. Die Eltern ließen sich scheiden, als er ein Kind war. Die Mutter ist mittlerweile aus Neunkirchen fortgezogen und will nicht mit der Presse sprechen. Ebenso wenig der Vater. Aber die acht Jahre ältere Schwester Anke beschreibt ihren Bruder rückblickend als „aufgeweckt und lebensfroh“. Als einen, der immer Freunde um sich hatte. Sie sagt auch, dass Breininger leicht beeinflussbar gewesen sei.

Alte Bekannte berichten. „Ja, der Eric, der war Hip-Hopper, trug immer T-Shirts, die hingen bis hier“, sagt einer und zeigt auf seine Oberschenkel. „Er rauchte und spielte Dart“, ruft ein anderer. Auch ins Fitnessstudio ging Breininger, und auf die Sonnenbank. „Er trug Markenklamotten“, weiß ein Dritter. Einig ist sich die Gruppe, dass Breininger nicht leicht einzuordnen war. Er sei mal hier, mal da aufgetaucht. In der Schule habe man ihn fertiggemacht, meint einer, der ihn von dort kennt. Der Polizei fällt Breininger damals wegen kleiner Delikte auf: Er wird beim Jointrauchen erwischt und muss 60 Sozialstunden im Altersheim leisten, weil er flach geschlagene 20-Cent-Münzen in Zigarettenautomaten wirft. Polizeiermittler vergleichen Breininger heute mit einem „Straßenköter“, der umhergestreunt sei.

Als Breininger 17 ist, besucht er das Berufsbildungszentrum in Neunkirchen, wählt hier die Handelsschule, um Industriekaufmann zu werden. Er habe sich ein gutes Einkommen vorgestellt, sagt seine Schwester, wollte ein Häuschen haben. Nebenbei jobbt er bei einem Paketunternehmen. Dort lernt er im Dezember 2006 Anis P. kennen, einen radikalen Muslim. Es ist der Wendepunkt. P. spricht Breininger auf das Kruzifix an, das er um den Hals trägt und besteht darauf, dass der Islam die einzig wahre Religion sei. Das macht wohl Eindruck auf Breininger. Schon wenige Tage später wirft er das Kreuz weg. P. führt ihn auch in eine Gruppe muslimischer Extremisten in Neunkirchen ein. Man trifft sich regelmäßig zum Beten und Diskutieren. Breininger besorgt sich einen Koran und sagt zu Hause, dass der neue Glaube ihm Halt gebe.

In der Gruppe lernt er auch den radikalen Konvertiten Daniel Schneider kennen, der ein Terroristenausbildungslager in Pakistan besucht hat, sich Abdullah nennt und von den Sicherheitsbehörden observiert wird. Der zwei Jahre Ältere nimmt sich Breiningers an. Schon im Januar 2007 konvertiert Breininger zum Islam. Er spricht im Beisein der anderen Männer die erste Sure des Korans und nennt sich fortan Abdul Gafhar: der Diener des Allvergebenden. Im Kreis seiner neuen Glaubensbrüder findet er, wonach er gesucht hat: Anerkennung und männliches Selbstverständnis. Aber auch die Gewissheit, einer elitären Gruppe zuzugehören, die die Wahrheit kennt. Terrorexperten halten diesen Weg zum Islam, der einer Sinn- und Identitätssuche gleichkommt, für typisch.

Was die Fahnder bei Breininger allerdings verblüfft, ist die Geschwindigkeit des Wandels. Von einer „Konversion im Zeitraffer“ sprechen sie. Zwar vermuten die Fahnder und Breiningers Schwester, dass er wegen seines labilen Charakters genauso gut Neonazi hätte werden können. Fest steht allerdings, dass Breininger sich von den festen Regeln und Tagesabläufen des Islams angezogen fühlt. Und er findet in der egalitären Gemeinschaft wohl auch eine Wärme, die er zuvor vermisste. „Die Bruderschaft ersetzt die Familie“, sagt der US-Terrorexperte Marc Sagemann.

Breininger kapselt sich ab und lernt Arabisch. Er meidet alte Freunde und Gewohnheiten: stylt sich nicht mehr, hört mit dem Rauchen und Trinken auf, isst kein Schweinefleisch, sieht nicht fern.

Breininger betet jetzt fünf Mal am Tag. Manchmal geht er mit Schneider und Al Mallah in die Neunkirchener Moschee. Ein wichtigerer Treffpunkt der Gruppe ist in Dudweiler-Herrensohr, einer alten Saarbrücker Bergmannkolonie. Dort besucht Breininger die kleine Omar-Moschee in der Petrusstraße 32. Sie liegt im Hinterhof, ist in einem ehemaligen Backraum untergebracht. Die Moschee selbst gilt als völlig unverdächtig, vorwiegend Araber aus Neunkirchen beten hier.

Um zu der Moschee zu gelangen, muss man durch den Flur des Vorderhauses: Leitungen hängen aus der Wand, die Schaumstoffisolierungen der Rohre sind zerfetzt. Am 6. März 2007, einem Dienstag, bringt Eric seine Freundin Eva P. hierher. Die Gleichaltrige aus dem benachbarten Marpingen macht eine Ausbildung zur Bürokauffrau, sie hat dunkle Haare, die sie nun mit einem Kopftuch verhüllt. Breininger ist ihre erste große Liebe, jetzt will er sie zur Frau nehmen. Ein Imam traut die beiden. Den mit krakeliger Schrift verfassten Heiratsvertrag können aber weder Breininger noch Eva P. lesen. Er ist auf Arabisch. Darin verpflichtet sich Breininger zur Zeugung von Muslimen. Nach der Zeremonie feiert er mit seinen Glaubensbrüdern, ohne die Braut.

Eva P. berichtete der TV-Sendung „Panorama“: „Eric wollte, dass ich koche, putze und irgendwann Kinder kriege. Er hat auch gesagt, er sucht sich noch eine andere Frau.“ Sie trennt sich von Breininger. Der meidet in der Handelsschule Mädchen und weigert sich, fürs Klassenfoto zu posieren. Gleichzeitig verschlechtern sich seine Leistungen.

Im Juni 2007 bricht er die Schule ab, wenige Wochen vor der Abschlussprüfung. Breininger verkauft seine Zimmereinrichtung bei Ebay, behält nur ein Bett, einen Koranständer und die Heiratsurkunde. Wenn er allein zu Hause ist, hängt er alle Bilder in der Wohnung ab. Als Breininger sagt, er wolle ins Ausland gehen, um Arabisch zu lernen, versucht seine Schwester, die Rechtsanwaltsgehilfin ist, mit ihm über seinen Wandel zu sprechen. Breininger reagiert mit Tritten und Schlägen.

Dann zieht Breininger in die Petrusstraße 32 zu Daniel Schneider. Die beiden wohnen im zweiten Stock des sanierungsbedürftigen Hauses, im Hinterhof die Omar-Moschee. Schneider ist ein Schüler von Jan S., einem kasachischen Spätaussiedler aus Neunkirchen, der ebenfalls zum Islam konvertiert ist. Er gehörte zur Gruppe um den radikalen jordanischen Medizinstudenten Dr. Hasan Al Urduni. Dieser scharte Mitte der 90er Jahre in Homburg an der Saar junge Muslime um sich und indoktrinierte sie. Mit dem „Doktor“, sagen Verfassungsschützer, sei das Saarland zum Hort islamistischer Gefährder, also potenzieller Terroristen, geworden. Vor dem Haus in Dudweiler parkt deswegen regelmäßig ein schwarzer Golf, in dem ein Mann Zeitung liest. In einem Zimmer am Ende der Straße ist eine Kamera mit Blick auf den Hauseingang installiert.

Breininger und Schneider leben asketisch, neben ihren Matratzen gibt es nicht viel in der Wohnung. Sie sind nachtaktiv, bis in die Morgenstunden kann man ihre Schatten hinter den zugehängten Fenstern beobachten. Um E-Mails zu schreiben, gehen sie in Internet-Cafés. Von Schneider fängt das BKA eine Mail ab, in der es heißt, er würde seinen „Jungen in den Kindergarten“ schicken. Breininger geht in ein Reisebüro im Neunkirchener Saarparkcenter und bucht einen Flug von Stuttgart nach Hurghada: 180 Euro, es ist das günstigste Angebot.

Anfang September 2007 überschlagen sich die Ereignisse. Schneider mietet sich mit den Islamisten Fritz Gelowicz aus Ulm und Adem Yilmaz aus Langen in ein Ferienhaus im sauerländischen Medebach-Oberschledorn ein. Die drei wollen Autobomben bauen. Zeitgleich macht sich Breininger auf den Weg nach Ägypten. Am 4. September wird die sogenannte Sauerland-Zelle von der Polizei ausgehoben.

Breininger schreibt sich für einen Sprachkurs in der Kairoer Satellitenstadt Madinat Nasr ein, ein Treffpunkt von Islamschülern aus aller Welt. Er berichtet seiner Schwester in E-Mails von „Muehlhalten“ und dass sie „barvoek“ für ihn beantragen solle. 13 Tage lang versucht er, Arabisch zu lernen, während das Geld knapp wird. Dann erscheint im November 2007 Houssain Al Mallah aus Neunkirchen.

Die beiden fliegen über Dubai in den Iran und gelangen von dort nach Pakistan. Breiningers Spur verliert sich. Am 27. März 2008 schreibt er seiner Schwester noch einmal, dass er in Afghanistan für Allah kämpfen werde. Anfang April werden Breininger und Al Mallah im grenznahen Peschawar gesichtet. Im Mai tauchen dann die ersten Videobotschaften Breiningers auf der Webseite der „Islamischen Dschihad Union“ auf, einer usbekischen Terrororganisation, die mit Al Qaida kooperiert und schon einige Männer aus Deutschland ausgebildet hat. Breininger, der sichtbar abgenommen hat, lobt den Selbstmordanschlag des Deutschtürken Cüneyt Ciftci aus Ansbach, der sich am 3. März an einem US-Stützpunkt in Afghanistan in die Luft sprengte und vier Soldaten in den Tod riss.

Das aufgeschreckte BKA lässt unter Bundeswehrsoldaten, Entwicklungshelfern und deutschen Diplomaten in Afghanistan Fahndungszettel verteilen. Auch im US-Soldatenmagazin „Stars and Stripes“ wird ein Foto von Breininger abgedruckt.

Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass Breininger in Pakistan eine Waffen- und Sprengstoffausbildung erhalten hat. Außerdem sei er eventuell an drei, mindestens aber an einem Überfall auf Soldaten in Afghanistan beteiligt. Wenn Breininger gefasst werden sollte, hoffen die Behörden, ihn wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung anklagen zu können. In der Haft müsse man dann versuchen, ihn mithilfe seiner Familie wieder „umzudrehen“.

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