Politik : Ermittlungen: Anschlagsziel Deutschland?

Barbara Junge

Die Bundesrepublik gerät ins Blickfeld der Ermittlungen zur Terrororganisation "Al Qaida" um Osama bin Laden. Bislang gingen die Sicherheitsbehörden davon aus, dass mit bin Laden vernetzte Gruppen hierzulande nicht agieren. Jetzt haben sie ihre Einschätzungen - und das nicht erst nach den Zusammenhängen mit den Terroranschlägen in den USA - revidiert. Die Spur nach Hamburg und die am Donnerstag von der Bundesanwaltschaft aufgenommene Fahndung sind nur weitere Indizien.

In einem kürzlich erstellten Dossier des bayerischen Landesamts für Verfassungsschutz kommen die Experten zu dem Schluss: "In den vergangenen Jahren galt Deutschland als Ruheraum, nicht jedoch als Operationsbasis und schon gar nicht als Anschlagsziel." Die Festnahme eines ranghohen Aktivisten der Bin-Laden-Connection - der mutmaßliche Finanzchef der "Al Qaida" wurde 1998 in München verhaftet - belegten jedoch "Kontakte mit in Deutschland lebenden Sympathisanten des internationalen Netzwerks". Die Entwicklung habe gezeigt, so heißt es im Dossier der Verfassungsschützer, "dass Anschläge auch in Deutschland künftig nicht mehr ausgeschlossen werden können". Am stärksten gefährdet seien US-Einrichtungen, "da die USA neben Israel Hauptangriffsziel der arabischen Mudschahedin um Osama Bin Laden sind".

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Noch eine weitere Spur deutet darauf hin, dass auch die Bundesrepublik inzwischen als einer der Ausgangspunkte dieses Terrors betrachtet werden muss. Im Juni diesen Jahres wurde im spanischen Alicante ein weiteres mutmaßliches Mitglied der Bin-Laden-Gruppen festgenommen. Ihn vermuten die deutschen Sicherheitsbehörden als Drahtzieher eines um die Weihnachtszeit 2000 geplanten Anschlags auf das Straßburger Münster. Der offenbar von Deutschland aus geplante Anschlag wurde verhindert, in Frankfurt stürmte die Anti-Terror-Einheit GSG 9 eine Wohnung und fand ein Waffenarsenal sowie Material und Anleitungen zum Bombenbau. Der Drahtzieher, Mohammed Bensakhria, gilt den Behörden als Europachef des "Al Qaida"-Netzwerks. Und eben jener hat - möglicherweise längere Zeit - in Berlin gelebt.

Seit den Anschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam stehen die Gotteskrieger, die sich bin Laden zugehörig fühlen, ganz oben auf der Beobachtungsliste der internationalen Geheimdienste. In der Bundesrepublik waren 1998 eben der vermutliche Finanzchef, im Dezember 2000 vier Männer, die offenbar den Anschlag auf Straßburg planten, und im April diesen Jahres im selben Zusammenhang ein weiterer Mann festgenommen worden. Sicherheitskreise vermuten drei Zellen des Bin-Laden-Netzwerkes in der Bundesrepublik. Die jetzt im Zusammenhang mit den Anschlägen in den USA ermittelten Personen könnten - nach der Frankfurter - eine zweite Zelle sein. Als weiterer Schwerpunkt gilt der Raum München. Ausgehend von den Verhaftungen in Deutschland nahmen zudem die britischen Behörden in London neun Islamisten fest, auch in Italien erfolgten Durchsuchungen und Festnahmen. Und in London fanden die Ermittler unter anderem deutsche Ausweispapiere sowie deutsches Geld bei den Verdächtigen.

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