Politik : Ermittlungen: "Die Leute werden nachts aus den Betten geholt"

Nach den Anschlägen vom 11. September wurden

Nadeem Elyas (56) ist Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Die Organisation vertritt rund 500 Moschee-Gemeinden. Elyas wurde im saudi-arabischen Mekka geboren, arbeitete früher als Frauenarzt und gilt als behutsamer Moderator zwischen den Religionen. In der Bundesrepublik leben zurzeit über drei Millionen Muslime.

Nach den Anschlägen vom 11. September wurden viele Muslime in Deutschland heftig bedroht. Hat sich das seit den Angriffen der Amerikaner auf Afghanistan verschlimmert?

Nein, die Drohungen sind deutlich zurückgegangen. Allerdings bekommen wir immer noch E-Mails und Anrufe. Das reicht bis zu Morddrohungen.

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Obwohl Muslime beschimpft werden, erfahren wir auch eine große Welle der Solidarität. Viele Menschen rufen uns an, die sich von den Drohungen gegen uns distanzieren und sagen: Wir stehen an eurer Seite.

Klagen die Muslime über die Maßnahmen der Polizei? Viele sind von der Rasterfahndung betroffen.

Dass der Staat wachsam bleibt und die Schutzorgane ihre Arbeit tun, dafür sind wir alle. Aber bitte unter Beibehaltung der Grundrechte eines jeden Bürgers. Das Grundgesetz unterscheidet hier nicht zwischen Muslim und Nicht-Muslim. Der Schutz des Staates darf nicht zu einer Gefängnissituation für einen Teil seiner Bürger ausarten.

Sehen sie diese Gefahr?

Wir müssen zumindest davor warnen. Die Kriterien der Rasterfahndung zum Beispiel bedeuten eine konkrete Benachteiligung der arabischen Muslime: Araber, mittleres Alter, Muslim und unauffällig - das sind fast alle arabischen Muslime. Sie sind verdächtig, bis sie ihre Unschuld bewiesen haben. Zum Teil müssen wir das im Interesse der Gesellschaft hinnehmen. Aber die Verhältnismäßigkeit sollte gewahrt bleiben. Uns ist berichtet worden, wie Leute nachts aus den Betten geholt werden, nur um sie zu befragen, oder wie vor deren Schlafzimmertür Polizisten mit Maschinenpistolen standen und sie nicht einmal mehr auf die Toilette ließen. Das ist nicht mehr verhältnismäßig.

Ist der islamische Fundamentalismus in Deutschland auf dem Vormarsch?

Im Gegenteil. Es bildet sich hier eine islamische Struktur, die deutsch-europäisch orientiert ist, auch wenn sie ihre islamische Identität beibehält. Aber diese Entwicklung lässt Randerscheinungen wie diese Fanatiker in den Vordergrund rücken - man sieht sie jetzt deutlicher.

Wo sind die Ursachen von islamischem Fundamentalismus und Fanatismus?

Ich benutze den Begriff Fundamentalismus nicht, wenn wir Fanatismus und Extremismus meinen. Es gibt in jeder Religion verschiedene Meinungen. Eine Auslegung des Islam jedoch, die gewisse Regeln nicht beachtet, wird auch nicht mehr als islamisch angesehen. Die Radikalisierung entsteht aus verschiedenen Beweggründen. Soziale Ungerechtigkeit kann eine Rolle spielen. Ungerechtigkeit erzeugt Hass, und Hass führt zu Fanatismus und letztlich Terrorismus. Auch das fehlende Wissen über die Lehre des Koran ist eine Ursache. Die Fanatiker lesen ihn nur teilweise und beanspruchen dann, den gesamten Islam in sich vereinen zu können.

Was hat ein mutmaßlicher Attentäter wie Mohammed Atta im Koran nicht gelesen?

Ich weiß nicht, ob Atta islamisch genannt werden kann. Auf der einen Seite soll er ein überzeugter islamischer Fanatiker gewesen sein, auf der anderen Seite soll er eine Freundin gehabt, Alkohol getrunken haben und in den USA zu Prostituierten gegangen sein. Beides zusammen geht nicht. Islamische Fanatiker berufen sich auf Quellen, die sie selbst suchen und auslegen. Jeder Text kann missbraucht werden, sogar die Verfassung einer Demokratie! Deshalb sagen wir aber nicht, die Demokratie sei schlecht. Es ist die Denkweise Einzelner.

Ist ein Mann wie der mutmaßliche Drahtzieher der Terroranschläge in Amerika, Osama bin Laden, ein islamisches oder ein terroristisches Phänomen?

Sollten sich diese Mutmaßungen bestätigen, so ist er ein Terrorist, doch seine Anfänge wurzeln im Islam. Bin Laden betrat die Weltbühne während des Befreiungskampfes in Afghanistan. Damals wehrte sich eine islamische Gemeinschaft gegen die russische Einmischung in afghanische Angelegenheiten. Die Mudschahedin haben auf eine legitime Art und Weise reagiert. Deshalb fühlten sich sehr viele Muslime auch berufen, bei diesem Kampf mitzumachen. Das war eine Invasion. Daraus dann aber abzuleiten, die Front sei überall dort, wo eine nicht-islamische Macht herrscht - das ist eine Schlussfolgerung, die von den islamischen Gelehrten nicht gutgeheißen wird.

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