Politik : Ermittlungen: Doppelleben

Karsten Plog

Nach der TU Hamburg-Harburg steht seit dem Wochenende auch die Hamburger Fachhochschule unter Schock. "Mit Bestürzung, Fassungslosigkeit und Enttäuschung", so Hochschulpräsident Hans-Gerhard Husung, habe man zur Kenntnis nehmen müssen, dass ein ehemaliger Student, Ziad Samir Jarrah, wahrscheinlich der dritte Hamburger Terrorist ist, den das FBI und das Bundeskriminalamt zuvor ermittelt hatten. "Wir fühlen uns hintergangen und empfinden dies zugleich als einen Anschlag auf die Wertegemeinschaft, die Lehrende und Lernende an unserer Hochschule verbindet", sagte Husung am Montag. Der Ex-Student ist nach den Erkenntnissen des amerikanischen FBI neben Mohamed Atta und Marwan Al-Shehhi, die an der Technischen Universität Harburg studiert haben, der dritte Terrorist, der sich längere Zeit in der Elbmetropole aufgehalten hat. Er soll sich in der Maschine befunden haben, die bei Pittsburg abgestürzt war. Wie die beiden anderen soll er zeitweilig in der Wohnung Marienstraße 54 im Stadtteil Harburg gewohnt haben. Auf die Spur des 26 Jahre alten Libanesen waren die Fahnder durch seine türkische Freundin in Bochum gestoßen, die ihn bei der Polizei als vermisst gemeldet hatte. In der Wohnung im Bochumer Stadtteil Wiemelhausen hatten die einen Koffer mit "flugzeugbezogenen Unterlagen" gefunden. Auch Jarrah hatte wie die beiden anderen Männer in Florida Flugunterricht genommen.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Jarrah hatte offenkundig ebenfalls ein nahezu perfektes Doppelleben geführt. An der Fachhochschule studierte er Flugzeugbau. Kommilitonen, mit denen er während des Grundstudiums in Arbeitsgruppen gewirkt hatte und mit denen er befreundet war, schilderten ihn als "ganz normal". Er sei "weltoffen gewesen", man habe zusammen Spaß gehabt. Er habe mehrfach am Tag gebetet, einen Bet- oder Versammlungsraum für Muslime habe es aber anders als bei der TU Harburg an der Fachhochschule nicht gegeben. Jarrah habe niemals versucht, sie zu beeinflussen, und er habe öffentlich auch keine extremen Ansichten vertreten. Er habe dann angekündigt, in den USA weiter studieren wollen. Einer der Studenten hätte gern Kontakt mit ihm gehalten, doch Jarrah habe alle Verbindungen abgebrochen.

Seinen Professoren ist dieser Student so gut wie gar nicht aufgefallen, Nach den Worten von Dekan Heinz Krisch hat Jarrah nur drei Semester intensiv studiert. Seit zwei Jahren war er in den Prüfungsunterlagen nicht mehr verzeichnet. Die Spezialfächer, die für einen Abschluss nötig seien, habe er nicht mehr wahrgenommen. Aber auch mit einem abgeschlossenen Flugzeugbaustudium könne man kein Flugzeug fliegen. Die Hochschule will sich auch künftig nach Aussage ihres Präsidenten durch den Terror nicht davon abbringen lassen, "eine international offene Hochschule zu sein".

Mehr als ein Jahr lang hat Jarrah einem Bericht des NDR zufolge auch in Greifswald gelebt. Nach Angaben der Universität Greifswald bereitete er sich 1996 und 1997 am Studienkolleg auf ein Hochschulstudium in Deutschland vor. An dem Kolleg legte Jarrah einen Abschluss ab, der dem deutschen Abitur entspricht. Er sei dem Greifswalder Studienkolleg zugeteilt worden, weil er sich zunächst für ein Studium der Biochemie beworben hatte. Nach dem Bericht des Radiosenders soll Jarrah Ende 1997 nach Hamburg gegangen sein, um dort Flugzeugbau zu studieren. Der Cousin des 26-Jährigen soll in Greifswald geblieben sein und dort ein Restaurant eröffnet haben. Am Sonnabend hatten offenbar Beamte des Bundeskriminalamtes in Greifswald ermittelt und mehrere Personen vernommen. Es habe aber keine Hinweise auf die Terroranschläge gegeben. Die Bundesanwaltschaft wollte die Berichte mit Hinweis auf laufende Ermittlungen nicht kommentieren.

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