Politik : Ermittlungen: Unauffällige Nachbarn

Karsten Plog

Die Nachbarn fielen aus allen Wolken, als am Mittwochabend drei Mannschaftswagen der Hamburger Polizei in der Marienstraße im Hamburger Stadtteil Harburg vorfuhren und Beamte des Mobilen Einsatzkommandos kurz darauf mit einem Sprengstoffhund an der Leine eine Wohnung im ersten Stock der Hausnummer 54 stürmten, einem Mehrfamilienhaus aus der Nachkriegszeit.

Die Beamten suchten nach Spuren und Hintermännern von zwei Verdächtigen, die hier bis vor einem halben Jahr gewohnt hatten - und die nach den Informationen des amerikanischen FBI an den Terrorangriffen auf die USA beteiligt gewesen sein könnten. Die Männer waren als Studenten an der Technischen Universität Harburg eingetragen und hatten sich nach Auskunft von Innensenator Olaf Scholz (SPD) nichts zu Schulden kommen lassen.

Sie hätten viel Besuch gehabt, erzählen die Nachbarn, darunter bärtige junge Männer, in langen Gewändern und mit Turban bekleidet. Die Wohnung ist seit Februar dieses Jahres unbewohnt. Insgesamt acht Wohnungen wurden in dieser Nacht von der Polizei in Hamburg aufgesucht. Dabei wurde in einer, in der die Polizei einen bestimmten Marokkaner vermutete, ein Mann festgenommen. Die Beamten waren hellhörig geworden, als sich herausstellte, dass dieser Mann, der legal in Hamburg lebt, auf dem Hamburger Flughafen beschäftigt ist. Außerdem wurde bei ihm ein ägyptischer Pass gefunden. Von dem Festgenommenen erhofft sich die Polizei weitreichende Auskünfte. Zuvor war bereits eine Frau als Zeugin gehört worden.

Die Hamburger Polizei hatte am Mittwochnachmittag vom Bundeskriminalamt (BKA) die Information erhalten, dass das amerikanische FBI bei Razzien in Florida eine Spur gefunden hatte, die Richtung Harburg weist. Es ging um den 33 Jahre alten Mohammed Atta, der verdächtigt wird, eines der beiden Flugzeuge geflogen zu haben, das in das World Trade Center gestürzt war. Er hatte in Florida Flugstunden genommen - so wie vermutlich fünf weitere in die Anschläge verwickelte Terroristen. Ein Bekannter oder Verwandter Attas, Marwan Al-Shehhi, soll in Harburg gewohnt haben. Er soll ebenfalls in dem Flugzeug gesessen haben. Er war Anfang Mai aus Deutschland kommend in die USA eingereist. Auch Atta soll aus Deutschland gekommen sein. Diese Angaben wurden am späten Abend vom FBI bestätigt.

Scholz wies darauf hin, dass eine umfassende Bewertung der Ermittlungen nach so kurzer Zeit nicht möglich sei, zumal die Ermittlungen inzwischen von der Bundesanwaltschaft übernommen worden seien. Ob es in Hamburg ein regelrechtes "Netzwerk" der Terroristen gegeben habe, lässt sich bisher nicht beantworten. Die Ermittlungen hätten eindeutig gezeigt, dass es bisher in Hamburg keinerlei polizeilichen Hinweise auf jene Männer gegeben habe.

Am Donnerstagnachmittag und am frühen Abend wurden vier weitere Wohnungen durchsucht. Nach unbestätigten Berichten von Augenzeugen gab es dabei in Hamburg-Hamm eine weitere Festnahme. Bei dem Verdächtigen soll es sich um einem Mann arabischer Herkunft handeln.

Am Donnerstagmittag leitete schließlich Generalbundesanwalt Kay Nehm wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung ein Ermittlungsverfahren gegen die Männer ein. Es bestehe der dringende Verdacht, dass sich seit Jahresbeginn in Hamburg aus dort lebenden Personen mit arabischem Hintergrund und "islamisch-fundamentalistischer Grundhaltung" eine terroristische Vereinigung gebildet hat. Deren Ziel sei es gewesen, zusammen mit anderen islamischen Gruppierungen im Ausland auf "spektakuläre Weise durch Zerstörung von symbolträchtigen Gebäuden" die USA anzugreifen.

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