Ernährung : Hungrig im Überfluss

Noch nie wurde so viel Nahrung produziert – aber eine Milliarde Menschen hat nicht genug zu essen.

Paul Kreiner[Rom]
Hunger
Über eine Milliarde Menschen leiden täglich Hunger. -Foto: dpa

Mathematisch ist alles so einfach. Rechnet man die heute weltweit produzierte Menge der Nahrung auf die Zahl der Erdbewohner um, dann könnte jeder Mensch tagtäglich 2800 Kalorien in sich hineinschaufeln. Damit ist zwar die Rechenaufgabe gelöst, das Problem aber nicht einmal im Ansatz erfasst. Denn die FAO, die UN-Welternährungsorganisation, teilt mit, dass derzeit ein Sechstel der Menschheit gar nicht an die Kalorien herankommt, die auf Dauer das Existenzminimum garantieren.

1,02 Milliarden Menschen hungern, sagt die FAO, 105 Millionen mehr als vor einem Jahr. Und das, obwohl sich die Staaten der Welt im rosaroten Morgenlicht des Dritten Jahrtausends feierlich verpflichtet hatten, die Zahl der Hungernden von damals 840 Millionen auf 420 Millionen zu halbieren. 2015 wollte man das geschafft haben. Indes: Je näher der Termin rückt, umso weiter entfernt sich das Ziel. Zusätzlich wird die Aufgabe immer gewaltiger: Bis zur Jahrhundertmitte dürfte die Zahl der Menschen von heute 6,7 auf 9 Milliarden steigen. Und sie wächst vor allem in jenen Ländern Afrikas und Asiens, in denen die Nahrungsversorgung schon heute nicht sicher ist.

Es sind Jahrhundertfluten hier, Jahrhundertdürren dort, die Folgen des Klimawandels, die in wechselnden Weltgegenden mit zunehmender Intensität die Landwirtschaft zum Erliegen bringen. Es sind die unaufhörlichen Kriege, das „menschliche Versagen“ also, das ganze Völker in den Hunger treibt. Das alles könnte die Welt ausgleichen; die Kornspeicher sind voll, die Ernte des ausgehenden Jahres bleibt nur knapp unter den Allzeitrekorden. Doch der Fehler liegt im Weltwirtschaftssystem. Er tritt nirgendwo deutlicher zutage als in den Ländern, die Hunger leiden. Es sind praktisch alles Gesellschaften, die agrarisch strukturiert sind.

Italienische Experten spitzen das auf die Formel zu: 80 Prozent der Hungernden sind Bauern. Kleinbauern sind es, genauer gesagt. 85 Prozent der „Landgüter“ auf dieser Welt sind nach Angaben der FAO kleiner als zwei Hektar; Kleinbauern und ihre Familien machen ein Drittel der Weltbevölkerung aus. Deswegen will die FAO auch bei den Kleinbauern ansetzen. Deren Problem gerade in der Dritten Welt ist es, dass sie nicht rationell, nicht billig genug produzieren können und im Lauf der vergangenen Jahrzehnte sowohl von der Masse als auch von den Preisen jener Lebensmittel plattgewalzt worden sind, die aus den – auch agrarisch – industrialisierten Ländern des Nordens importiert wurden.

Selbst gut gemeinte „Hungerhilfen“ haben mehr geschadet als genützt: die Lieferung von Lebensmitteln hat Landwirtschaften nicht auf die Beine gebracht, sondern ihr Elend vergrößert. Da diesen Ländern die einzige Möglichkeit zur Wertschöpfung genommen wurde, fehlt ihnen nun das Geld, die exorbitant gestiegenen Lebensmittelpreise zu bezahlen. Die Schere zwischen Nord und Süd öffnet sich weiter.

An diesem Montag beginnt am Sitz der FAO in Rom der Welternährungsgipfel. 60 Staats- und Regierungschefs sollen zugesagt haben, versichert Generalsekretär Diouf. Friedensnobelpreisträger Barack Obama freilich fehlt; er ist in China. Der Senegalese Diouf verlangt dringend, dass die reichen Staaten pro Jahr weitere 44 Milliarden Dollar für die Landwirtschaftsentwicklung in den armen Staaten locker machen. Das wäre zwar etwa viermal so viel wie heute – anders betrachtet aber lediglich eine Rückkehr auf das Niveau der achtziger Jahre. Seit damals sind unter dem Credo des „freien“, des „vom Markt geregelten“ Handels Hunderte von Milliarden eingespart worden.

Das aber hat die heute hungernden Länder überfordert: So weit waren sie mit ihrer Entwicklung noch nicht. Hinzu kam, dass sich das verbreitete Problem der staatlich gesteuerten oder geförderten Misswirtschaft – in despotisch regierten Ländern Afrikas zum Beispiel – durch die „bestrafende“ Verknappung internationaler Mittel nicht erledigt hat: Es kam nur noch weniger Geld ganz unten an, bei denen an, die es dringend gebraucht hätten.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben