Politik : Erneuter Fehler des Kremls - kommt es zu Russlands drittem Vietnam?

Christoph von Marschall

Reift da Russlands drittes Vietnam heran nach Afghanistan und Tschetschenien? Dagestan lässt sich an wie ein déjà-vu: Der Konflikt zwischen moslemischen Rebellen und der Moskauer Zentralmacht weckt traurige Erinnerungen an den Beginn des ersten Krieges im Nordkaukasus im Dezember 1994. Auch damals kündigte Präsident Jelzin an, binnen zwei Wochen werde der Aufstand niedergeschlagen. Die Kämpfe dauerten drei Jahre, und am Ende stand die faktische Unabhängigkeit Tschetscheniens.

Doch Russland scheint aus dem ersten Kaukasus-Debakel kaum etwas gelernt zu haben - bis darauf, dass es die Herausforderung von Anfang an ernst nimmt und nicht meint, sie nebenbei zwischen zwei Finanzkrisen meistern zu können. Abermals sind keine echten Anstalten zu erkennen, nach einer politischen Lösung zu suchen. Selbst wenn die Rebellen dem Druck der Bomben und Panzer vorerst weichen - den Frieden sichert Moskau so nicht.

Auch in der russischen Vorstellungswelt des Jahres 1999 hat nur der "starke Staat" Platz, der Terror mit Gegengewalt übertrumpft. Gesprächsangebote und Diplomatie gelten als Schwäche. Auf die unbeteiligte Zivilbevölkerung wird heute im umkämpften Dorf Tando und anderswo in Dagestan ebenso wenig Rücksicht genommen wie damals auf die Bewohner von Grosny oder die hilflosen Patienten im Krankenhaus von Budjonnowsk, die der gleiche Rebellenführer, Schamil Bassajew, im Juni 1995 als Geiseln nahm - Moskau befahl dennoch zwei blutige, aber erfolglose Sturmangriffe, ehe es den Terroristen freien Abzug zusicherte.

Welch ein Unterschied zu Geiseldramen in westlichen Demokratien, bei denen die Rettung der Menschenleben Vorrang vor der Bestrafung der Täter hat. Oder zur Kriegsführung der Nato im Kosovo. Sie konnte zwar nicht verhindern, dass ihre Bomben auch Zivilisten töteten, aber zumindest bemühte sie sich darum und brach deshalb immer wieder Angriffe auf militärische Ziele ab. Auf solche Rücksichtnahme können in Dagestan selbst die Moskautreuen Bürger nicht hoffen. So vermehrt Russland die Schar seiner Feinde.

Die erschütternden Fehler russischer Politik können freilich kein Grund sein, die moslemischen Rebellen zu Freiheitskämpfern im Dienste einer höheren Moral zu stilisieren. Auch ihnen gelten Menschenleben nichts. Sie wollen nicht Freiheit und Demokratie, sondern nur eine andere, eine schlimmere Diktatur: die der Scharia an Stelle der Nomenklatura. Auch unter ihrer Führung wird es keinen Frieden geben.

Für den Westen kann ein drittes russisches Vietnam kein Anlass zu heimlicher Schadenfreude sein. Des Kremls Unfähigkeit zu einer elastischen Politik in diesem Entkolonisierungsdrama muss zutiefst beunruhigen. Eine weitere Schwächung würde Moskau zu einem weniger berechenbaren Partner machen. Mit jedem Achtungserfolg islamischer Rebellen wüchse die Gefahr, dass sich die Scharmützel im Kaukasus und an den Grenzen der asiatischen GUS-Republiken mit Afghanistan doch noch zu einem Flächenbrand vom Schwarzen Meer bis zur chinesischen Grenze ausweiten.

Drittens würde ein weiteres Debakel russischer Gewaltpolitik, das dann in einen jahrelangen Kleinkrieg à la Tschetschenien mündet, den einzig Erfolg versprechenden Ansatz zu einer Befriedung dieses historischen Pulverfasses konterkarieren: die Aussicht auf Beteiligung aller streitenden Parteien an einem Jahrhundertgeschäft - dem Transit der schier unermesslichen Erdöl-Vorräte unter dem Kaspischen Meer durch den Kaukasus nach Westen.

Deshalb sollten die westlichen Industrieländer auf die Bitte aus dem Kreml eingehen, Moskau zu helfen, die erneute Herausforderung im Kaukasus zu bestehen - freilich nicht bedingungslos. Es kann nicht darum gehen, durch abschreckende Blutbäder eine zaristische oder stalinistische Friedhofsruhe herzustellen. Sondern es gilt Russland zu helfen, zu einer moderaten Ordnungsmacht in der Region zu werden.

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