Erntesaison : Schlafmohn: Das Geschäft blüht

Die Erntesaison des Schlafmohns ist am Hindukusch in vollem Gange. Im Süden Afghanistans sind die Felder bereits abgeerntet, jetzt beginnen die Bauern im Norden ihre Arbeit.Fehlende Kontrollen begünstigen Schlafmohnanbau.

Matthias Lehmphul[Johannes Schneider],Ulrike Scheffer
schlafmohn
Erntezeit in Afghanistan. -Foto: dpa

BerlinDas Land gilt weltweit als der Hauptproduzent von Rohopium, die Grundlage zur Herstellung von Heroin. Nach Angaben der UN wurden aus den Mohnpflanzen der afghanischen Bauern 2008 insgesamt 7700 Tonnen Opium produziert. Doch endlich, so scheint es, gibt es Erfolge im Kampf gegen den Drogenanbau, denn im Vergleich zu 2007 ging die Produktion um sechs Prozent zurück, die Anbauflächen sogar um fast 20 Prozent. Laut UN waren 2008 sogar 18 von insgesamt 34 afghanischen Provinzen „anbaufrei“.

In Berlin erwähnen Politiker wie Militärs diese Entwicklung gern, wenn sie nach Erfolgen des deutschen Engagements am Hindukusch gefragt werden – der Sonderbeauftragte des Auswärtigen Amtes für Afghanistan, Bernd Mützelburg, etwa oder auch Brigadegeneral Dieter Warnecke. Allerdings ist fraglich, welchen Beitrag die Deutschen konkret geleistet haben, denn die im Norden Afghanistans stationierten Bundeswehrsoldaten haben ausdrücklich kein Mandat, gegen den Anbau von Schlafmohn vorzugehen.

Die UN und die Regierung in Kabul machen vor allem schlechtes Wetter für den leichten Rückgang der Opiumproduktion verantwortlich. „In 14 Provinzen sind die Ernten 2008 durch Naturkatastrophen vernichtet worden“, sagte der afghanische Minister für ländliche Entwicklung, Mohammad Ehsan Zia, dem Tagesspiegel.

Niedrige Preise und Arbeitskräftemangel könnten ebenfalls eine Rolle spielen. Aufgrund der guten Ernten in den Vorjahren seien die Lager voll, und die Händler blieben auf dem Rohopium sitzen. Gleichzeitig seien die Gehälter für versierte Erntehelfer gestiegen und dadurch schrumpfe die Gewinnspanne der Schlafmohnernte, erläutert Joachim Bönisch, von der Welthungerhilfe in Afghanistan.

Alternative Anbauprodukte hält Bönisch nicht für die Lösung des Drogenproblems. „Drogenanbau kann nur da funktionieren, wo die Regierung schwach ist“, sagt er. Die afghanische Regierung werde aber „jeden Monat korrupter“. Auch in Nordafghanistan seien die bislang aufgebauten Strukturen zur Drogenkontrolle weitgehend wirkungslos, sagt Bönisch. Trotz der Präsenz der Bundeswehr trauten sich die Polizisten dort kaum auf die Straße. Einen Durchbruch im Kampf gegen den Drogenanbau sieht der Experte daher nicht. Und: Der vergangene Winter sei mild gewesen; auch habe es ausreichend geregnet. „In der nördlichen Provinz Takhar stehen die Poppy-Felder gut im Saft.“ Auch andere Fachleute halten den Schlafmohnanbau noch immer für das lukrativste Geschäft für die Bauern. „Obwohl die Bauern umgerechnet nur ein Prozent des Endverbraucherpreises für Heroin erhalten, lockt der Anbau von Schlafmohn“, sagt Thomas Ruttig von der Stiftung für Wissenschaft und Politik in Berlin. Ein Bauer verdiene mit Schlafmohn 600-mal mehr als mit Weizen.

Minister Zia ist dennoch überzeugt, dass die meisten Bauern bereit sind, den Drogenanbau aufzugeben. Voraussetzung sei allerdings, dass seit langem versprochene Entwicklungsprogramme endlich umgesetzt würden. „Es gibt noch immer Gegenden, die ohne jede Hilfe sind“, sagt er. Das gelte vor allem für den Süden und Osten des Landes, wo Krieg herrscht, und 98 Prozent des afghanischen Schlafmohns angebaut werden.

Die USA und Großbritannien greifen zu immer unkonventionelleren Methoden. Nachdem sie mit dem Abbrennen von Mohnfeldern nur wenig Erfolg hatten, zahlen sie nun jedem Provinzgouverneur eine Million Dollar, wenn er den Anbau unterbindet. Das über die UN verwaltete Geld soll in Entwicklungsprojekte fließen, konkrete Vorgaben gibt es aber nicht: „Die Gouverneure entscheiden mehr oder weniger selbst, wofür sie das Geld ausgeben“, teilte das Kabuler UN-Büro für Drogen und Kriminalität auf Anfrage mit.

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