Erosion der Mittelschicht? : Zwei Studien, viel Verwirrung

Ob die Mittelschicht stabil ist oder gerade erodiert, ist eine Frage der Perspektive, der untersuchten Parameter, der Zeiträume und der Definition von Mittelschicht an sich. Die Gefahr der politischen Instrumentalisierung ist hoch.

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Shoppen zur Weihnachtszeit. Für die Mittelschicht weniger ein Problem. Laut einer Studie schrumpft diese allerdings.
Shoppen zur Weihnachtszeit. Für die Mittelschicht weniger ein Problem. Laut einer Studie schrumpft diese allerdings.Foto: dpa

„Die Mittelschicht in Deutschland schrumpft seit 15 Jahren“ ist die eine Überschrift. „Von einer Erosion der Mittelschicht kann nicht die Rede sein“ die andere. Die erste Überschrift ist die Essenz einer Studie, die am Donnerstag von der Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und der Uni Bremen vorgelegt wurde. Die zweite ist das Ergebnis einer Studie des Wirtschaftswissenschaftlers Christian Arndt von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geislingen, die die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Auftrag gab und am vergangenen Montag veröffentlichte. Und wer hat recht?

„Ich unterstelle der Studie der Bertelsmann Stiftung nichts anderes als Objektivität“, sagt Forscher Arndt dem Tagesspiegel über seine Konkurrenz und fügt hinzu: „Ich sehe keinen Widerspruch. Beide Studien haben zum Teil die gleichen Daten genutzt.“ Ah ja! Verwirrung perfekt. Aber was stimmt denn nun?

„Ich glaube“, sagt Projektleitern Juliane Landmann bei der Bertelsmann Stiftung, „dass sich die Messung der Mittelschicht am Einkommen orientieren sollte.“ Sollte sie, sagt auch Arndt. Aber nicht nur. Vermögen zähle ebenso dazu wie soziale Mobilität, das Vorhandensein von Aufstiegschancen. Kann man machen, findet auch die Bertelsmann Stiftung und bestätigt, dass dann natürlich andere Ergebnisse herauskommen. Und beide sind sich einig, dass die untersuchten Zeiträume, die zwischen 20 und fünf Jahren variieren, von entscheidender Bedeutung sind.

Immerhin, in beiden Studien finden sich auch auffällige Gemeinsamkeiten: „Seit 1997 ist der Anteil der Mittelschicht an der Gesamtbevölkerung (…) auf 58 Prozent zurückgegangen“, ist in der DIW-Studie zu lesen. Die KAS formuliert: „Je nach Wahl der Einkommensgrenzen beträgt der Bevölkerungsanteil der mittleren Einkommensschichten (…) knapp 60 Prozent.“

Ob die Mittelschicht nun stabil ist oder gerade erodiert, ist also eine Frage der Perspektive, der untersuchten Parameter, der Zeiträume, der Definition von Mittelschicht an sich. Dass sich die Politik die Mühe macht, in die Welt von Median, Gini-Koeffizienten und Nettoäquivalenzeinkommen einzusteigen, muss der Wähler nicht wirklich glauben. Vielmehr ist zu erwarten, dass sich die politischen Lager die Aussagen aussuchen, die am besten zu ihrem Wahlkampf passen. Die Debatte um den von der Bundesregierung umgeschriebenen Armutsbericht lässt Böses erahnen.

Ein Beispiel: Ein Arbeiter verdient 5000 Euro, der zweite 1000, der dritte nichts. Im Durchschnitt haben sie alle 2000 Euro, im Median verdienen sie 1000. Nur in der Realität hat der Dritte immer noch: nichts!

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