Erschießung in London : Polizei immer mehr unter Druck

Neue Enthüllungen zu der irrtümlichen Erschießung eines Brasilianers belasten die Londoner Polizei. Nach britischen Medienberichten müssen sich die Polizisten möglicherweise wegen Totschlags oder Mordes verantworten.

London/Rom (17.08.2005, 16:02 Uhr) - Der Elektriker Jean Charles de Menezes war von der Polizei am 22. Juli fälschlicherweise für einen Selbstmordattentäter gehalten und erschossen worden. In Rom entschied unterdessen ein Gericht, dass der dort gefasste Rucksackbomber binnen 35 Tagen an Großbritannien ausgeliefert werden soll.

Zu dem Missverständnis der Londoner Polizei war es gekommen, weil Menezes im selben Haus wohnte wie einer der verhinderten Selbstmordattentäter vom 21. Juli. Aus internen Dokumenten der Polizei, die dem Sender ITV zugespielt wurden, geht nun unter anderem hervor: Der Polizist, der Menezes beschatten sollte, ging gerade zur Toilette, als dieser seine Wohnung verließ. Möglicherweise hat dies dazu beigetragen, dass die Polizei Menezes irrtümlich für den gesuchten Terroristen hielt.

Bilder belegen, dass Menezes eine Jeansjacke trug und nicht - wie von der Polizei angegeben - einen dicken Wintermantel, unter dem er Sprengstoff hätte verbergen können. Den Medieninformationen zufolge wurde er von der Polizei auch weder zum Stehenbleiben aufgefordert, noch rannte er davon oder sprang über eine Absperrung. Stattdessen habe er die U-Bahn-Station Stockwell ganz normal durch Öffnen der Schranke mit seiner Fahrkarte betreten und sich noch eine Gratiszeitung genommen. Erst auf dem letzten Stück sei er gerannt, um die wartende U-Bahn noch zu bekommen. Kurz nachdem er sich gesetzt habe, sei er von den Polizisten gepackt und überwältigt worden. Obwohl er keine Gegenwehr geleistet habe, hätten sie ihn mit einer ganzen Salve gezielter Schüsse getötet.

Harriet Wistrich, die Anwältin der Angehörigen von Menezes, sagte dazu: «Es sieht danach aus, dass da versucht wurde, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen, um zu rechtfertigen, was nur als absolut tragische Katastrophe für die Polizei bezeichnet werden kann.» Die Anweisung, nach der mutmaßliche Selbstmordattentäter auf der Stelle zu erschießen seien, müsse wieder rückgängig gemacht werden: «Was ist das für eine Gesellschaft, in der wir Verdächtige standrechtlich erschießen können?», fragte sie. Menezes' Cousin Allessandro Pereira forderte eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls: «Meine Familie hat ein Recht auf die volle Wahrheit zu diesem Mord», sagte er.

Der 27-jährige Osman Hussein, einer der vier Rucksackbomber, deren Sprengsätze am 21. Juli nicht gezündet hatten, soll binnen 35 Tagen an Großbritannien überstellt werden. Das entschied am Mittwoch ein römisches Schwurgericht. Der italienischen Staatsanwaltschaft soll es so ermöglicht werden, noch gut einen Monat lang weiter gegen ihn zu ermitteln. Seine Anwältin Antonietta Sonnessa will den Beschluss anfechten. Hussein wehrt sich gegen die Auslieferung und will stattdessen in Italien bleiben. Er hat die Tat gestanden, beteuert aber, es sei von Anfang an geplant gewesen, die Bomben nicht explodieren zu lassen. (tso)

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