Politik : Erschöpft und glücklich

Die Anhänger von Sieger Juschtschenko feiern – und knüpfen große Hoffnungen an die Zukunft

Thomas Roser[Kiew]

Der Sieg des Oppositionschefs hat auch seine Anhänger Kraft gekostet. Verschlafen reibt sich Anatoli Gregorowitsch Michajlenko auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz die Müdigkeit aus den Augen, bevor der Mann mit der orangen Schleife an der Pelzmütze das Wahlprotokoll des zentralukrainischen Dorfes Kutschki aus seiner Jackentasche wurstelt. 898 Wähler hätten in seinem 150 Kilometer entfernten Heimatdorf für Viktor Juschtschenko gestimmt, nur 58 den entmachteten Premier Viktor Janukowitsch gewählt, berichtet der Arbeiter mit den schwieligen Händen: Als Mitglied der Wahlkommission habe er aufgepasst, dass „dieses Mal nichts verfälscht“ wurde.

Gemeinsam mit seinem Freund Anatoli ist auch Iwan Slabeniak am Montag- morgen von Kutschki in die Hauptstadt gereist, um dort den Erfolg der Orangenen Revolution zu feiern. Er fühle sich „einfach wunderbar“, bekennt er nach dem Ende des zweimonatigen Wahlkampfmarathons: „Notfalls hätten wir ein ganzes Jahr ausgehalten.“ Mit Streitigkeiten in der Opposition rechne er nicht. Er erwarte von einem Machtwechsel nur „positive Veränderungen“, so der Fabrik-Arbeiter: „Wir wollen in einem zivilisierten Land leben – so wie die Menschen in ganz Europa.“

Übermüdet, aber zufrieden stellt sich Viktor Juschtschenko im Hauptquartier seines Wahlstabs im Stadtteil Podil um zwei Uhr morgens seinen Anhängern. Im Gegensatz zur Wahlfarce von November bestätigt die Auszählung der Stimmen dieses Mal die Nachwahlbefragungen, die ihm einen Erdrutschsieg mit einem Vorsprung von 15 Prozent der Stimmen verhießen. „14 Jahre ist die Ukraine unabhängig, aber erst ab heute sind wir frei !“, verspricht der Oppositionschef den Beginn einer „neuen Ära einer großen Demokratie“ ohne „Folter und Lügen“. Der scheidende Präsident Leonid Kutschma sei genauso Vergangenheit wie der beurlaubte Premier Janukowitsch, beteuert der künftige Staatschef: „Wir blättern die Seite unserer Geschichte um, die voll von Respektlosigkeit gegenüber dem Volk, Zensur und Brutalität war.“ Der erfolgreiche Protest von Millionen von Ukrainern habe nicht nur den Wechsel ermöglicht, sondern dem Land endlich auch seinen Platz in der Welt verschafft: „Vor drei Monaten hatten viele keine Ahnung, wo die Ukraine überhaupt liegt. Heute wundert sich die Welt tagtäglich, was hier passiert.“

Mit betretenem Gesicht gestand Rivale Janukowitsch bereits in der Wahlnacht seine Niederlage ein. Im Industriegebiet des Donbass, der mit über 90 Prozent für den entmachteten Premier gestimmt hatte, bleiben angedrohte oder befürchtete Ausschreitungen aus. Auf dem Donezker Leninplatz, wo seit Wochen tausende seiner Anhänger eine „Gegenrevolution“ zum orangen Aufbruch anzuzetteln suchten, werden nur eine Hand voll Milizionäre gesichtet. Am Kiewer Unabhängigkeitsplatz blinken in den blau-weißen Farben der Janukowitsch-Anhänger nur die Lichter der Weihnachtstanne. Ansonsten ist die Hauptstadt fest in orangefarbener Oppositions-Hand.

Die Stärke der orangen Bewegung sei ihre „mentale Kraft“, sagt im Zeltlager der Opposition auf dem Kreschatik-Boulevard der Handwerker Valerij Schischkin. Wie er ist auch sein Arbeitskollege Wladimir Lasor in den letzten beiden Monaten aus der 300 Kilometer entfernten Heimatstadt Krementschuk mehrmals nach Kiew gereist, um in dem Camp Wache zu schieben. „Wir wollen, dass das gleiche Recht für alle gilt – und nicht das Geld regiert“, erläutert er sein Engagement. Mit oppositionsinternen Querelen nach der Machtübernahme rechnet Schischkin nicht. Sollte Juschtschenko jedoch so selbstherrlich wie Kutschma regieren, sei er bald wieder weg vom Fenster: „Denn wir haben die Revolution nicht für irgendwelche Politiker, sondern für uns selbst gemacht.“

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