Politik : Erst denken, dann Bier trinken

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Wenn es heute im Laufe des Tages ein wenig ruckelt, ist das kein Grund zur Panik: Vermutlich wurde nur die Welt kurz aus den Angeln gehoben und läuft anschließend in einem leicht veränderten Rhythmus weiter, bar jeglichen Problems. Denn heute ist der Tag, da die Meisterdenker der Welt auf dem Berliner Bebelplatz die drängendsten Fragen der Menschheit beantworten. Endlich!

Nun ist es ja so, dass die drängendsten Fragen der Menschheit im Prinzip beantwortet sind. Irgendwo im Internet fliegen alle Antworten herum, das ist ein furchtbares Gekreisch, und niemand kann es sortieren und auf Substanz prüfen. Das ist auf dem Bebelplatz anders. 112 Denker sprechen in 112 Kameras die Antwort auf exakt 100 Fragen. „Warum fahren unsere Autos immer noch mit Benzin?“, lautet eine davon. Der Idealfall wäre nun, dass alle 112 eine identische Antwort geben, zum Beispiel: „Weil Mango-Papaya-Nektar den Motor kaputtmacht.“ Dann darf das Rätsel als geknackt gelten und steht der Welt anschließend im Internet zur freien Verfügung. Doch das ist wohl eine vergebliche Hoffnung. „Wie müssen wir unser Wirtschaftssystem ändern, damit es gerechter wird, ohne den Fortschritt zu verlieren?“, ist eine andere, sehr komplexe Frage. Vermutlich wird Bianca Jagger irgendetwas in der Richtung vorschlagen, dass es fürs Erste genüge, George W.Bush zu teeren, zu federn und aus der Stadt zu jagen, während Roland Berger eher gegen Bürokratie und Personalüberhänge argumentiert und der Künstler Jonathan Meese zu Wagner-Musik einen Bronzepenis in die Kamera hält. Es ist nun denkbar, dass aus diesen Ideen, wenn sie im Internet nebeneinander stehen, eine Gesamtlösung destilliert werden kann, dass also das Wirtschaftssystem bei Wagner-Musik ... Nein, eher nicht denkbar.

Generell ist angesichts der Auswahl der Experten anzunehmen, dass eine Mehrheit praktisch alle Probleme durch Abschaffung von Bush, Globalisierung und Kapitalismus zu lösen vorschlägt; weniger wahrscheinlich ist, dass Bush, Globalisierung und Kapitalismus heute um 18 Uhr mitteilen, wenn sie nun mal nachgewiesenermaßen die Ursache aller Probleme seien, dann könnten sie ja auch gehen, püh.

Immerhin ist nach 18 Uhr noch genug Zeit für die Experten, ein gepflegtes Bier zu trinken. Sie werden dann hoffentlich wenigstens das deutsche Welträtsel lösen, warum das Zapfen immer ewige sieben Minuten dauert.

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