Politik : Erst die Übersetzung erlöst die Angeklagte

Christoph Link

Safiya Husaini bleibt am Leben. Nachdem sie von einem islamischen Gericht zum Tod durch Steinigung verurteilt worden war, hob ein Berufungsgericht das wegen Ehebruchs verhängte Todesurteil auf und sprach die Mutter von fünf Kindern frei. Ihr angebliches Geständnis sei nicht zulässig, da die Behörden die 35-Jährige über die Schwere der gegen sie erhobenen Vorwürfe unter islamischem Recht nicht hinreichend aufgeklärt hätten, erklärte einer der vier Richter. Die Mutter von fünf Kindern verstand zunächst nicht das in Arabisch vorgelesene Urteil. Als das Urteil dann aber in ihre Muttersprache Hausa übersetzt wurde und die ersten im Gerichtssaal ihr gratulierten, sagte sie lächelnd "Danke, Danke".

Ihre einjährige Tochter, ihre Familie, Freunde und Medienvertreter aus aller Welt flankierten sie während der Verhandlung vor einem islamischen Berufungsgericht. Die vier islamischen Richter unter Vorsitz von Mohammed Tambari-Uthman begründeten den Freispruch von Safiya Husaini vor allem mit formaljuristischen Fehlern der ersten Instanz. Der islamische Richter sei der vorgeschriebenen Prozessordnung nicht gefolgt, und die Aussagen der Polizei hätten nicht genügend Informationen über die Straftat enthalten, hieß es.

Monatelang hatte der Fall von Safiya Husaini die Weltöffentlichkeit in ihren Bann gezogen und auch in Nigeria für eine Polarisierung gesorgt. Die Frau war wegen Ehebruchs im Oktober 2001 von einem islamischen Richter zum Tode durch Steinigung verurteilt worden. Diese Art der Hinrichtung war in Nigeria noch nie angewandt worden. Als Beweis für die Verurteilung hatte dem Gericht die Schwangerschaft der geschiedenen Mutter von fünf Kindern genügt.

Vor allem in Frankreich, Griechenland und Polen hatte der Fall Safiya eine enorme Protestwelle von Frauenverbänden ausgelöst. Neapel hatte Safiya die Ehrenbürgerschaft angeboten, Amnesty International in Spanien hatte 350 000 Unterschriften zu ihren Gunsten gesammelt und die Europäische Union zeigte sich "alarmiert" über ihren Fall. Erst sehr spät, wenige Tage vor der Berufungsverhandlung, hatte der Justizminister der Bundesregierung Nigerias den mittelalterlichen Strafrechtskatalog der Scharia für verfassungswidrig erklärt.

Safiya Husaini kann weder lesen noch schreiben. Sie lebt in einer Lehmhütte ohne Wasser und Strom. Ihr Leben ist von Schicksalsschlägen gezeichnet. Nach drei geschiedenen Ehen wurde die vierfache Mutter 1998 erneut schwanger. Doch laut dem soeben in ihrem Heimatstaat Sokoto eingeführten islamischen Recht galt Safiya als unverheiratet, und unverheiratete Frauen dürfen gemäß der Scharia keine sexuellen Beziehungen haben. Safiya wurde angeklagt und wegen Ehebruchs zum Tod durch Steinigung verurteilt. Da begann die junge Frau, die nach eigener Aussage von einem Freund ihres Vaters vergewaltigt und geschwängert wurde, um ihr Leben zu kämpfen.

In der Hoffnung, dem harten Urteil zu entgehen, wechselte Safiya Husaini im vergangenen Januar ihre Strategie und sagte nunmehr aus, die mittlerweile geborene Tochter sei von einem ihrer früheren Ehemänner. Vielleicht hat sie aber auch der internationale Aufschrei der Empörung vor dem Tod gerettet. Nun möchte Safiya ein neues Leben anfangen - mit ihrem ersten Ehemann. Denn nach dem Tod seiner Mutter hat ihr Jusuf Ibrahim einen zweiten Heiratsantrag gemacht. In seinem Haus kann sie wieder glücklich werden, glaubt Safiya.

Mit dem Freispruch von Safiya Husaini ist das Tauziehen um die Scharia allerdings nicht vorbei. Wie die Nachrichtenagentur AFP am Montag meldete, ist erneut eine 35 Jahre alte Nigerianerin von einem islamischen Gericht wegen Ehebruchs zum Tode durch Steinigung verurteilt worden. Diesmal erließ ein Tribunal in Bakori im Bundesstaat Katsina das drakonische Urteil. Die Verurteilte, deren Namen mit Amina Lawal angegeben wird, hatte zugegeben, dass sie ein Kind bekommen habe, obwohl sie geschieden ist. Das Urteil gegen die Frau soll bereits am vergangenen Freitag gefällt worden sein.

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