Politik : „Erst einmal zu Hause aufräumen“

Venezuelas Präsidentschaftskandidat Capriles will den langjährigen Amtsinhaber Chávez stürzen.

Ein Hoffnungsträger für alle Gegner des sozialistischen Präsidenten Chávez ist Capriles: Für den Wahltag wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwartet. Foto: David Fernandez/dpa
Ein Hoffnungsträger für alle Gegner des sozialistischen Präsidenten Chávez ist Capriles: Für den Wahltag wird ein...Foto: dpa

Am Sonntag wählen die 19 Millionen Venezolaner ihr Staatsoberhaupt. Amtsinhaber ist Hugo Chávez – zum Herausforderer haben Oppositionsparteien Henrique Capriles Radonski nominiert: Der Zweikampf zwischen dem 40-jährigen Unternehmersohn und dem sozialistischen Amtsinhaber erinnert an den Mythos von David gegen Goliath. Umfragen sehen durchaus Chancen für Capriles, den lange als unschlagbar geltenden Chávez zu stürzen. Tagesspiegel-Korrespondentin Sandra Weiss sprach mit dem gelernten Anwalt.

Herr Capriles, Ihre Großmutter ist eine polnische Jüdin, die vor den Nazis nach Venezuela floh. Wie hat diese Familiengeschichte Ihre Persönlichkeit geprägt?

Sie ist mein Schutzengel und eine ganz besondere Person in meinem Leben. Sie hat mir beigebracht, dass Hass zu nichts führt, und Angst auch nicht. Als sie mit Krebs im Sterben lag, schweiften ihre Gedanken zurück ins Ghetto, sie redete auf Deutsch und plötzlich kehrte die Angst zurück. Das werde ich nie vergessen. Diese Regierung redet von Krieg, ohne zu wissen, was das eigentlich ist.

Woher kommt Ihr Interesse für Politik?

Vielleicht daher, dass meine Familie hier Aufnahme gefunden hat und dieses Land mehr liebte als die ursprüngliche Heimat. Seit ich elf Jahre bin, fasziniert mich die Politik, und ich war mit 26 Jahren der jüngste Abgeordnete des Parlaments.

Diese Liebe muss sehr groß sein – Sie saßen immerhin einige Monate im Gefängnis, als Sie Bürgermeister eines Hauptstadtdistrikts waren und für Demonstrationen vor der kubanischen Botschaft verantwortlich gemacht wurden.

Als ich im Gefängnis war, habe ich viel an meine Großmutter gedacht und die 20 Monate, die sie in einem Keller im Ghetto von Warschau versteckt war, bevor sie fliehen konnte. Das und der Glauben gaben mir Kraft.

Wie ist Ihre Bilanz der bolivarischen Revolution von Präsident Chávez?

Ich habe bei meinen Besuchen in mehr als 300 Gemeinden viel Frust über die Ineffizienz dieser Regierung erlebt. Nach 14 Jahren unerfüllter Versprechen ist ihre Zeit abgelaufen. Ich denke, diese Regierung fing mit guten Absichten an, aber ihr Kandidat wurde trunken von der Macht.

Wie garantieren Sie, dass Sie nicht ebenfalls den Verlockungen der Macht erliegen?

Je mehr Macht man hat, desto mehr Verantwortung. Dessen muss man sich bewusst sein. Und man muss sich bewusst sein, dass die Macht endlich ist. Deshalb bin ich auch ein Gegner der unbegrenzten Wiederwahl von Präsidenten.

Es gibt viele andere Themen, die den Venezolanern unter den Nägeln brennen. Das wichtigste ist die Sicherheit. Caracas ist eine der gewalttätigsten Städte der Welt.

Die Justiz muss effizienter und transparenter werden. Dass Richter sich korrumpieren oder für ein politisches Projekt vereinnahmen lassen, muss beendet werden. Auch die Waffenkäufe müssen eingestellt werden. Unser Sicherheitsproblem ist hausgemacht, und die Kriminellen müssen entwaffnet werden. Wir müssen auf Prävention setzen, also mehr in Sport, Bildung und Kultur investieren und Geld ausgeben für bessere Straßenlaternen und Sportplätze. Dann brauchen wir 100 000 neue Polizisten. Venezuela ist das Land Lateinamerikas, das am wenigsten Polizisten hat und sie am schlechtesten bezahlt.

Wie wollen Sie die Korruption bekämpfen?

Mit hartem Durchgreifen. Die aktuelle Regierung belohnt Korrupte mit Botschafterposten oder anderen öffentlichen Ämtern. Ich werde keinen der korrupten Verantwortlichen dieser Regierung auf seinem Posten lassen. Der erste, der gehen muss, ist Erdölminister Rafael Ramírez, und ich bin mir sicher, dass im staatlichen Erdölkonzern PDVSA die Korken knallen werden, wenn er geht.

Außenpolitisch hat Chávez mit China, Russland, Iran paktiert. Wie wird Ihre Außenpolitik aussehen?

Diese Regierung hat sich nur damit befasst, ihr politisches Projekt zu exportieren. Die Liste der Geschenke ist lang. Elektrizitätswerke für Nicaragua und die Dominikanische Republik, während es hier ständig Stromausfälle gibt. Eine Autobahn in Jamaika, und hier ist eine der wichtigsten Autobahnen noch immer nicht fertig. Es gibt Krankenhäuser ohne eine einzige Spritze, stattdessen schießen wir chinesische Satelliten ins All. Wir importieren mehr als 70 Prozent aller Lebensmittel, und sind dabei so ineffizient, dass Tonnen vergammeln. Wir werden keine politisch motivierten Geschenke mehr machen, sondern erst einmal zu Hause aufräumen.

Werden die Sozialprogramme eingestellt?

Sie werden fortgeführt, aber nicht mehr verbunden mit dem Zwang, für eine Partei zu stimmen oder auf Demonstrationen zu gehen. Die einzige Voraussetzung wird die Bedürftigkeit sein.

Umfragen sagen ein knappes Ergebnis vorher, und manche zweifeln, ob der Unterlegene das Ergebnis anerkennen wird.

Hier will niemand ein Abenteuer, aber wenn die Regierung das Resultat nicht anerkennt, wird sie sich gegen das Volk stellen. Ich habe nie eine Wahl verloren, aber ich habe sie mir auch nie stehlen lassen. Ich meinerseits werde den Willen des Volkes akzeptieren, und hoffe, dass auch die Regierung sich verpflichtet, am Wahltag keine Gewalt zu provozieren.

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