Politik : Erste Frau im Staate

Jutta Limbach hat eine in der Bundesrepublik einmalige Karriere gemacht. Die ehemalige Verfassungsgerichts-Präsidentin wird heute 70 Jahre alt

Jost Müller-Neuhof

Bundespräsident muss man nicht werden, um an der Spitze des Staates zu stehen. Präsident des Karlsruher Bundesverfassungsgerichts genügt, immerhin ist es der fünfte Rang im offiziellen Protokoll. Acht Jahre stand Jutta Limbach dort an der Spitze und trug so umstrittene Urteile wie das zum Kruzifix mit. Heute wird die Juristin, Soziologin, SPD-Politikerin, Berlinerin und amtierende Präsidentin des Goethe-Instituts 70 Jahre alt.

Zwei Tage zuvor sitzt sie im Hauptstadtbüro des Instituts, klein, stark, schwarz, wie der Kaffee vor ihr. Ihr Name war genannt worden, wieder einmal, diesmal für die Nachfolge von Johannes Rau, fünf Jahre zuvor bereits für die von Roman Herzog. Irgendwann wurde er nicht mehr genannt. Die ewige Idealkandidatin. Klug, redebegabt, weltgewandt und als Richterin geeicht auf überparteiliches Staatsdenken. Gesine Schwan wünscht sie eine echte Chance, das Wort Zählkandidat mag sie nicht.

Auch Schwans Rolle hätte Limbach nicht behagt – und das Amt selbst? „Wissen Sie, lieber wäre ich Bundeskanzlerin geworden“, sagt sie, die anerkennt, dass auch Präsidenten die Geschicke der Republik bestimmen können. Heuss lobt sie für den Aufbruch in die Demokratie, Weizsäcker für seine Lehren aus der deutschen Vergangenheit, Herzog für seinen Feldzug gegen die Verdrossenheit, Rau für sein Zuwanderungsengagement. Selbst Scheel, seinerzeit als Champagnerglasschwenker in Verruf, rühmt sie dafür, etwas Lebens- und Genusssinn in jene Wohnzimmer gebracht zu haben, die die Studentenrevolte unberührt ließ.

Aber Limbach weiß um die Grenzen des Amts. „Ich bin eine machtbewusste Frau“, sagt sie und wünscht, dass es mehr Frauen gäbe, die „weder ein erotisches noch ein neurotisches Verhältnis zur Macht pflegen“, sondern einfach Aufgaben annehmen, die man ihnen stellt und für die sie sich qualifiziert haben. Sie weiß um den schwierigen Alltag. Ihr Mann hat „mehr als die Hälfte“ der Arbeit erledigt, als es daran ging, die drei Kinder großzuziehen. Limbach studierte an der FU, promovierte, habilitierte sich, wurde 1972 Professorin. Die einzige in einer akademischen Männerdomäne, wofür sie die Gründe aber weniger im Traditionalismus als in der langen Ausbildungszeit sieht.

Kurz vor dem Fall der Mauer wechselte Limbach in die Politik und wurde Justizsenatorin in Berlin. Nicht unumstritten, weil sie für eine konsequente Verfolgung des DDR-Unrechts eintrat und sogar noch leise schimpfte, als das Berliner Verfassungsgericht den maladen Erich Honecker aus dem Moabiter Kriminalgericht geholt und in den Flieger nach Chile verfrachtet hatte.

Limbachs Blick auf die Welt ist angenehm unverstellt. In dieser Gesellschaft wird sie gerne älter, sagt sie, man sollte nicht alles verklären, was früher war. Auch ihr Lebensthema, das Recht und den Rechtsstaat, sieht sie in guter Verfassung – bisher. Und wird gleich wieder politisch: „Ich warne davor, aus Angst vor Terror und Verbrechen Grundrechte zu weit einzuschränken“, wie es jetzt auch bei der Ausweisung terrorverdächtiger Ausländer geplant wird, sagt sie. „Dies sind Elemente einer symbolischen Politik, die kein Mehr an Sicherheit bringen.“

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