Politik : Erste Wahl

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Foto: Rückeis

AUF ZU DEN LINDEN!

Von Renan Demirkan

Am 22. September gehe ich wählen – natürlich! Immerhin darf ich endlich: Ich habe nämlich seit dem 12. Juni die doppelte Staatsbürgerschaft und damit auch das Recht, die Pflichten der „Staatsverwalter“ gegenüber den „Staatsbürgern“ mitzubestimmen. Und natürlich werde ich da am 22. September in der Schlange stehen und warten. Dieses Erlebnis lasse ich mir nicht nehmen, zu sehen, wie sich die anderen verhalten, wenn sie ein Stück Politik mitentscheiden dürfen. Außerdem will ich es selbst erleben und spüren, wie es sich anfühlt, „Volk“ zu sein, ein Volk zu sein. Schließlich war ich ja bislang wohl nicht mehr als ein identitätsloser Körper in der amorphen Masse des „ausländischen Mitbürgers“, der von der selbst-bewussten Masse des Volkes lediglich nur geduldet wurde. Denn 40 Jahre lang hatte ich zwar die Pflicht, mich politischen Entscheidungen zu beugen, aber keinerlei Rechte, diese Politik irgendwie mitzugestalten. Gerade fällt mir auf, dass sich da möglicherweise eine neue Definition von Identität eröffnet: der ausländisch kontrollierte Volksnarziss! Eine doppelte Integration mit Schadstoff trennendem Katalysator. Hat doch was! Klingt wie eine lebenslange Immunisierung gegen jede Form der Herrendenke!

Ich freue mich auf meine zwei Kreuze, auch wenn auf meiner Wahlbenachrichtigung steht: „Dreimal ein Tastendruck.“ Was das wohl heißt?

Die Autorin ist Schauspielerin und Schriftstellerin. Bis zum 22. September lesen Sie an dieser Stelle Stimmen zum Wahlkampf.

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