Politik : Erste Worte

Was die bisherigen Staatsoberhäupter nach ihrer Wahl gesagt haben – ein Überblick

Deike Diening

Was sagen frisch gewählte Bundespräsidenten, wenn sie von ihrer Wahl erfahren? Einmal abgesehen von: „Danke, ich nehme die Wahl an“? Die Worte von Walter Scheel (1974), Karl Carstens (1979) und Richard von Weizsäcker (1984) vor der Bundesversammlung waren recht dürr. Sie dankten (den Wählern), grüßten (die Nachbarländer) und zollten Respekt (den unterlegenen Kandidaten und denen, die sie nicht gewählt hatten). Carstens versprach bei seiner Wahl: „Ich werde mir Mühe geben!“

Erst Roman Herzog hat 1994 eine Rede vorbereitet, die seinen Charakter und den seiner Amtszeit schon erahnen lässt. Der Tenor ist mahnend. Schon Minuten, nachdem er von seiner Wahl erfahren hatte, versuchte er, die Deutschen wachzurütteln. Das Wort „müssen“ war bis dahin bei den frisch gewählten Präsidenten gar nicht vorgekommen. Herzog benutzte es sieben Mal. „Ich kann es Ihnen nicht ersparen, es immer wieder zu sagen“. Bürger der früheren Bundesrepublik müssten jetzt viele Opfer bringen. Die Bürger der neuen Länder „müssen begreifen, dass sie für uns keine Last, sondern, dass sie für uns ein Gewinn sind“. Und: „Dieses Deutschland muss in der Welt wieder eine Rolle spielen, aber unverkrampft und ohne gefletschte Zähne.“ Roman Herzog appelliert. Und bereitet ruck-zuck seine berühmte Berliner Rede von 1997 vor. Damals forderte Herzog, es müsse ein „Ruck“ durch Deutschland gehen.

Johannes Rau pflegte 1999 einen anderen Ton – und wer danach sucht, findet in seiner kurzen Ansprache direkt nach der Wahl schon den Versöhner, als der er „wir wollen“, „ich wünsche mir“ und „besinnen“ sagt. Als solcher hoffte er auf gleiche Lebenschancen für die Menschen in allen Bundesländern, auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau und auf Frieden: „Ich will nie ein Nationalist sein, aber ein Patriot wohl. Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt, und ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet. Wir aber wollen ein Volk der guten Nachbarn sein – in Europa und in der Welt.“ Die ersten Worte des neuen Staatsoberhauptes sind kein bloßer Dank mehr, sondern längst eine Vorschau auf den Charakter einer Amtszeit.

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