Erster Auftritt nach Fernsehinterview : Wulff will zurück zur Normalität

Er ist gekommen, um zu bleiben. Das will Christian Wulff allen beweisen. Einfach ist es nicht. Wie gibt sich der Bundespräsident?

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Foto: dapd

Kalt ist es, doch der Bundespräsident und seine Frau lächeln seit Minuten tapfer in das Heer der TV- und Kamera-Objektive. Auf der Treppe von Schloss Bellevue haben sich am Freitagmorgen Christian und Bettina Wulff mitten in die Gruppe der 55 Sternsinger gestellt. Manche der Kinder tragen Kronen aus Goldpapier.

Der „höchste Mann im Staate“, als den ihn Sternsinger Florian Hackert begrüßt, macht einen Scherz: „Könige sind hier nicht völlig außergewöhnlich“, sagt er in Anspielung auf seine Staatsgäste, aber so viele Könige seien es noch nie gewesen. „Wir alle sollen ja auch ein Segen sein und kein Fluch“, zitiert Wulff die Bibel.

Der Besuch der Sternsinger beim Staatsoberhaupt Anfang Januar ist eigentlich ein Routinetermin. Aber Routinetermine, das macht der Andrang von ungefähr 150 Journalisten am Fuß der Treppe deutlich, wird der Hausherr im Schloss Bellevue so schnell nicht mehr erleben. Zu viele Fragen sind noch offen in der Kredit- und Medienaffäre, in der auch das Fernsehinterview vom Mittwoch für Wulff keine Entlastung gebracht hat. Im Gegenteil: Er verstrickte sich in einen Streit mit der „Bild“-Zeitung, die hat ihm jetzt zur Demütigung das Protokoll seiner Mailbox-Nachricht zugesandt, damit er sich künftig „nicht nur auf seine Erinnerung stützen muss“. Die Kritik der Opposition wird immer heftiger, die Ehrenerklärungen aus der Koalition klingen noch immer eher pflichtschuldig als überzeugt.

Lächeln und Reden gegen die Krise, das hat sich Christian Wulff offenbar vorgenommen für seinen ersten öffentlichen Termin des neuen Jahres. Er weiß: Jedes Wort von ihm zählt, jedes wird nun in Verbindung gebracht mit seiner Affäre. Also geht er lieber selbst in die Offensive, gibt sich locker. „Wenn ihr Präsident werden wollt und nicht König bleiben, müsst ihr das Jahr so beginnen“, rät er den Gästen. Vielleicht ist das ein bisschen voreilig. Noch ist nicht ausgemacht, ob die Art und Weise, wie Christian Wulff das Jahr 2012 begonnen hat, ihm noch eine volle Amtszeit ermöglichen wird. Seine Umfragewerte sind dramatisch abgestürzt.

Doch insgesamt spult Wulff sein Programm souverän ab, sein Interesse für die kleinen Besucher wirkt nicht geheuchelt. Nur einmal unterläuft ihm ein Fehltritt: Als er auf der Treppe den Fotografen die Sicht auf die Sternsinger freimachen will und seiner Frau beim Schritt rückwärts fast auf die spitzen Pumps tritt, strauchelt er leicht, fängt sich aber sofort wieder. Bettina Wulff nimmt schnell eine Stufe, steht sehr aufrecht da im hellen Wollmantel und lächelt nicht weniger entschlossen als ihr Ehemann.

Kaum hat der Gastgeber seine Besucher in den Großen Saal seines Amtssitzes geleitet, gibt er bei der Begrüßung die nächste Botschaft aus. „Was man im Leben lernen kann: dass alles immer zwei Seiten hat“, sagt er. Das riesige Medieninteresse diesmal habe den positiven Effekt, „dass endlich mal das Wirken der Sternsinger so richtig gewürdigt wird“. Natürlich weiß Wulff, dass die meisten Journalisten nicht über die Spendenaktion der rund deutschen 500 000 Sternsinger berichten wollen, sondern über ihn und seinen Umgang mit der Krise.

Auch um Meinungsfreiheit geht es bei der Aktion der Sternsinger, was aktuelle Bezüge schafft zum Anruf des Präsidenten bei der „Bild“-Zeitung, den seineKritiker als Attacke auf die Pressefreiheit sehen. Ein Sternsinger deklamiert: „Jedes Kind hat das Recht, eine eigene Meinung zu haben und sich einzumischen.“ Wulff steht daneben und hört konzentriert zu. Was er in diesem Moment denkt, ist an seiner Miene nicht abzulesen.

Kaum ist die Aufführung vorbei, folgt die zweite Botschaft des angeschlagenen Präsidenten. Wer bei fremden Türen anklopfe mit einem Lied oder einem Gedicht, der habe auch später im Leben Mut, sagt Wulff: „Und ich glaube, dass meine Sternsinger-Zeit mir durchaus auch geholfen hat, dass, wenn man damals mutig gestanden hat…“, an dieser Stelle hebt der Präsident die linke Hand, ballt sie zur Faust und schaut einmal quer durch den Raum, „…dass man auch heute mutig für seine Sache stehen kann.“

Als der Hausherr dann aufbrechen will, fragt ein Journalist, wie es ihm gehe. Wenn man die Sternsinger anschaue, gehe es einem doch gut, sagt Wulff abwehrend. Der Frager lässt nicht locker: Ob die letzten Wochen nicht hart gewesen seien, will er wissen. „Die letzten Wochen sind jedenfalls so, dass man in meinem Leben sich das nicht noch einmal zumuten muss“, sagt Wulff in einer seltsamen Mischung von „ich“ und „man“. Er freue sich aber, „dass das Jahr 2012 jetzt losgeht und man sich wieder seinen eigentlichen Aufgaben widmen kann“.

Die Botschaft ist deutlich: Routinetermin vorbei, Affäre vorbei, der Präsident funktioniert wieder wie am Schnürchen. Christian Wulff hat die Sternsinger diesmal empfangen, um klarzumachen: Ich bin gekommen, um zu bleiben.

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