• Erster Kontakt zum Anwalt nach drei Jahren Haft „Bremer Taliban“ sitzt im US-Speziallager auf Guantanamo / Freilassung aus Mangel an Beweisen gefordert

Politik : Erster Kontakt zum Anwalt nach drei Jahren Haft „Bremer Taliban“ sitzt im US-Speziallager auf Guantanamo / Freilassung aus Mangel an Beweisen gefordert

Eckhard Stengel[Bremen]

Fast drei Jahre nach der Inhaftierung des Bremer Türken Murat K. im US-Lager Guantanamo Bay haben die USA jetzt erstmals ihre Haftgründe dargelegt und den Besuch eines Anwalts aus den USA bei dem 22-Jährigen erlaubt. Nach Ansicht des Bremer Rechtsanwalts Bernhard Docke basieren die Tatvorwürfe auf derart „vagen Vermutungen“, dass er am Freitag die Freilassung von Murat K. forderte.

Docke hatte in dieser Woche bei einem USA-Besuch Akteneinsicht erhalten. Nach seinen Angaben wird dem in Bremen geborenen und aufgewachsenen Türken vorgeworfen, dass er bei einem Pakistanbesuch im Herbst 2001 in Moscheen übernachtet habe, die wiederum Kontakt zum Terrornetzwerk Al Qaida unterhalten sollen. Nach eigenen Aussagen wollte der streng gläubige Muslim dort nur den Islam studieren. „Er hat keine Waffe in der Hand gehalten, er hat nicht gekämpft“, sagte Docke nach dem Studium der etwa 30-seitigen Militärakten.

Auch in Bremen, so ein weiterer US-Vorwurf, soll K. bereits Kontakte zu einer Moschee mit Terrorverbindungen gehabt haben. Die deutsche Bundesanwaltschaft hat allerdings keine Belege für einen terroristischen Hintergrund der Moschee gefunden. Völlig abwegig ist nach Dockes Ansicht ein weiterer Vorwurf: Ein Freund von K., der ihn ursprünglich nach Pakistan begleiten wollte, sei später vermutlich zum Selbstmordattentäter geworden. „Diese Person lebt hier in Bremen und erfreut sich bester Gesundheit“, sagte Docke dazu.

K. habe sich inzwischen zu einem friedvollen Verständnis des Islam bekannt. Er hasse Terroristen und finde den US-Kampf gegen sie sehr richtig. Im Oktober 2001 sei er aus rein religiösen Motiven nach Pakistan gereist, habe K. versichert und dabei eingeräumt, dass der Zeitpunkt unglücklich gewesen sei, so kurz nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center.

Zur Verhaftung des damals 19-Jährigen berichtete Docke, die pakistanische Polizei habe ihn bei einer Routinekontrolle aus einem Bus geholt, weil er als Ausländer aufgefallen sei. Vermutlich sei er dann gegen Kopfgeld an die Amerikaner überstellt worden, die ihn schließlich Anfang 2002 nach Guantanamo Bay brachten.

Obwohl nur „erschütternd wenig“ als Belastungsmaterial vorliege, sei K. kürzlich von einem US-Militärausschuss als feindlicher Kämpfer eingestuft worden, sagte Docke weiter. Der Anwalt will jetzt in einem bereits laufenden Verfahren vor einem Washingtoner Bezirksgericht „Druck machen“, damit K. so schnell wie möglich freigelassen wird.

Durch Klagen in den USA hatte seine Familie bereits erreicht, dass K. jetzt erstmals von einem Verteidiger besucht werden durfte. Der US-Anwalt Baher Azmy habe in Guantanamo Bay zwanzig Stunden mit dem Gefangenen gesprochen, sagte Docke. Die Inhalte müssten zunächst geheim gehalten werden. Azmy habe aber den Eindruck gewonnen, dass sich K. trotz der „furchtbaren Haftbedingungen“ (Docke) in erstaunlich guter Verfassung befinde. „Sie haben sogar mehrfach gemeinsam lachen können“, erzählte der Anwalt, denn K. habe „eine gewisse Art von Galgenhumor“ entwickelt und sei „sehr stark“.

Murats Mutter Rabiye K. beklagte am Freitag in Bremen, dass das US-Militär die Behandlung des Falles ihres Sohnes immer weiter verzögere. „Ich will, dass er so schnell wie möglich freikommt“, sagte sie.

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