Erster Weltkrieg und Europa : Wie in England mit 1914 Politik gemacht wird

Das Gedenken an den Ersten Weltkrieg und die Europawahl fallen 2014 zusammen. In Großbritannien löst das emotionale Debatten aus. Dabei ist viel Nationalismus im Spiel - innenpolitisch motiviert, aber auch außenpolitisch

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Britische Soldaten im Ersten Weltkrieg.
Britische Soldaten im Ersten Weltkrieg.Foto: epd

1914 hat der Erste Weltkrieg begonnen. Er ist bis heute nicht zu Ende. Jedenfalls ist das der Eindruck, der sich angesichts mancher Debatten über Ursachen, Hintergründe, Folgen einstellt. Weniger in Deutschland, wo man eben nicht gern an die Weltkriege zurückdenkt. Wohl aber in Großbritannien. Dort ist der Krieg von 1914 seit jeher ein großes, auch emotional und geschichtspolitisch aufgeladenes Thema. Nun könnte „1914“ auch noch zum Wahlkampfthema werden. Denn am 25.Mai sind Europawahlen. Die werden wie stets mit nationalen Vorzeichen stattfinden. Nicht nur auf der Insel, aber dort ganz sicher. Denn die Euroskeptiker auf der Rechten wollen die Chance nutzen, die Briten vom Kontinent zu separieren.

Der "Große Krieg"

In Großbritannien spricht man traditionell vom „Great War“, dem „Großen Krieg“ – das Attribut „vaterländisch“ benutzt man nicht, aber man kann es sich getrost dazudenken, wenn ausgeprägt konservative Historiker und Politiker sich der Sache annehmen. So wie Michael Gove. Der Tory-Bildungsminister fiel im vorigen Jahr auf, als er einen neuen Geschichtslehrplan vorlegte, der stramm national ausgerichtet war und Europa weitgehend ausließ – außer als „Schauplatz britischer Triumphe über böse Ausländer“, wie der Cambridge-Historiker Richard J. Evans spöttelte. Am Ende musste Gove, angesichts harscher Kritik an seinem „Jingoismus“ (der englischen Variante des Krawallnationalismus) nachgeben.

Nun hat sich Gove wieder zu Wort gemeldet, mit einem erinnerungspolitischen Artikel zu 1914 in der „Daily Mail“, in dem viel von Opferbereitschaft, Ehre, Heldenmut und Patriotismus die Rede ist. Diese Werte sind nach Goves Ansicht in seinem Land vernachlässigt, ja durch Satiresendungen (etwa mit Rowan Atkinson als feigem Hauptmann Blackadder) veräppelt worden. Linke Historiker hätten zudem die Erinnerung an den Krieg verbogen. Gove dagegen spricht von einem „gerechten Krieg“ für „Britanniens besondere Tradition der Freiheit“. Die Soldaten seien nicht umsonst gestorben.

"Ruchloser Sozialdarwinismus"

Diese Freiheit sei in Frankreich gegen die Aggression des Deutschen Reiches verteidigt worden. Dessen Eliten hätten einen „ruchlosen Sozialdarwinismus“ gezeigt, eine erbarmungslose Okkupationspolitik betrieben und aggressiv expansionistische Kriegsziele verfolgt. Gove will einen Sieg über die Deutschen feiern und hat, wie es im Vorspann zum Artikel heißt, wenig Verständnis „für die Sichtweise des Kultur- und des Außenministeriums, dass die Gedenkfeiern den Deutschen keine Schuld zuschieben sollten“. Geistiger Vater dieser Position ist der bekannte Historiker und Journalist Max Hastings, der im vorigen Jahr der konservativ-liberalen Regierung von David Cameron vorwarf, das „Einschleimen bei den Deutschen“ sei keine Art, sich an die „Helden des Großen Kriegs“ zu erinnern. Solche Verbalaktionen dienen auch dazu, der United Kingdom Independence Party, der europafeindlich-nationalistischen Konkurrenz auf der Rechten, den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Der Labour-Bildungspolitiker Tristram Hunt schlug postwendend zurück – freilich nicht ohne zu betonen, wie sehr die Linke in Großbritannien 1914 den Krieg unterstützt habe (was allerdings für deren pazifistischen Flügel, den es auch in Deutschland gab, keineswegs gilt). Hunt warf Gove vor, mit Blick auf die Schuldfrage die Geschichte umschreiben zu wollen.

Fritz Fischers Thesen

Nun liegt Gove mit seiner Charakterisierung der deutschen Entscheider von 1914 keineswegs völlig falsch. Sie werden bei uns längst ebenso gesehen. Die Pointe seiner Position ist freilich, dass er sich – wie Hastings – mit der These vom Angriffskrieg des hauptschuldigen Deutschen Reiches vor allem auf einen deutschen Historiker stützen muss, der als Zerstörer nationaler Mythen und Initiator einer eher linken Historikerschule gilt: Fritz Fischer nämlich mit seinen einflussreichen Büchern „Griff nach der Weltmacht“ (1961) und „Krieg der Illusionen“ (1969).

Versagen auf allen Seiten

Die These von der deutschen Hauptschuld (ganz zu schweigen von der Alleinschuld, wie sie im Versailler Vertrag steht) ist freilich schon seit zwei, drei Jahrzehnten nicht mehr gängig. Es gibt eine Art Konsens, dass die Schuld für den Krieg sich auf alle Beteiligten verteilt hat und man allenfalls graduell unterscheiden kann. Gerade erst hat das der Cambridge-Historiker Christopher Clark in seinem Bestseller „Schlafwandler“ noch einmal bestätigt. Er sieht ein Versagen reihum bei allen am Krieg beteiligten Staaten. Das Versagen in London bestand 1914 wohl darin, sich wieder einmal nicht recht auf die europäischen Probleme einlassen zu wollen und das Gewicht als dominierende globale Großmacht nicht in die Waagschale zu werfen, um einerseits das preußisch-deutsche Reich deutlicher vor einem Krieg zu warnen und andererseits die sehr kriegswilligen Verbündeten in Paris und Moskau zu bremsen. Oder war London 1914 dafür schon zu schwach – weil es vielleicht zu viel Weltpolitik trieb (das ist Fischers Vorwurf an das Deutsche Reich) und zu wenig Europapolitik?

Was die Erinnerungspolitik in diesem Jahr angeht, könnte derweil ein Satz des britischen Militärhistorikers Richard Overy hilfreich sein, unlängst im „Guardian“ niedergeschrieben: „Das Nachdenken über den Frieden könnte 2014 eine klügere Option sein als das Nachdenken über den Krieg.“

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