Politik : Erstmal alles definieren

Die Globalisierungsgegner wollen in Paris die Parteien antreiben

Maxi Leinkauf,Matthias Meisner

Von Maxi Leinkauf

und Matthias Meisner

Jacques Nikonoff hat sich für die nächsten Tage viel vorgenommen. „Die Arbeitslosigkeit, die Rente, Europas Beziehungen zu Entwicklungsländern und den USA, all das müssen wir neu definieren“, sagt der Präsident von Attac Frankreich. Themen, mit denen sich die globalisierungskritische Organisation schon seit mehreren Jahren beschäftigt. Nun streiten die Netzwerke aus aller Welt öffentlich für eine andere Welt. Am Mittwoch begann in Paris, der Geburtsstadt von Attac, das zweite Europäische Sozialforum. Über 50 000 Teilnehmer aus 60 Ländern werden erwartet, 10 000 mehr als 2002 in Florenz.

Allein in den Pariser „roten Vororten“ Saint-Denis, Bobigny und Ivry sind für diese Woche 55 Konferenzen und 250 Seminare zu sozialen Themen geplant. „Wir werden gemeinsam darüber debattieren, wie wir die Dinge angehen, denen sich die politischen Parteien immer mehr entziehen“, sagt Nikonoff, der früher als Schweißer gearbeitet hat. Die Bürger fühlten sich davon angesprochen, denn „sie wählen nicht mehr, weil sie merken, dass sie so nichts ändern.“ Ein neues politisches Manifest sei aber nicht beabsichtigt. „Wir wollen frei sein und die Parteien nur antreiben, ihre Arbeit zu tun“, meint Nikonoff im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Anders als beim Forum in Florenz, das heute als Impuls für die Massenproteste gegen den Irak-Krieg gewertet wird, soll der europaweite Sozialabbau klar im Mittelpunkt stehen. Die Bewegung will nicht nur Kritiker von „neoliberaler Regierungspolitik“ sein, sondern auch Alternativen benennen. Ein offizielles Abschlusskommunikee wird es aber nicht geben.

Vor allem soll es bei dem Mammuttreffen gelingen, ein breites Publikum anzusprechen – egal ob sich die Globalisierungskritiker nun als revolutionär oder radikal betrachten, ob sie in Gewerkschaften oder Parteien organisiert sind. Die Gewerkschaften sehen Chancen, an der Seite der Bewegung stärker zu werden. Aus Deutschland etwa will Verdi-Chef Frank Bsirske teilnehmen. Eine Einschränkung gilt: Als Parteivertreter darf keiner auftreten. Sonst, sagt Sven Giegold von Attac Deutschland, „hätten wir hier ein Jahr vor der Europawahl ständigen Wahlkampf und keine Diskussionen mehr“. Umarmungsversuche gibt es jede Menge: In Frankreich haben fast alle linken Parteien den Globalisierungskritikern die Zusammenarbeit angeboten. Aus Deutschland reist PDS-Chef Lothar Bisky am Wochenende nach Paris.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben