Erstmals freie Wahlen : Ägypten - Demokratie als Experiment

Wem die Ägypter bei den Wahlen ihre Stimme geben, steht in den Sternen. Denn nicht alle haben Verständnis für die Demonstranten. Warum, das wissen am besten - die Taxifahrer.

Christoph Borgans,Marc Röhlig
In Ägypten haben erstmals freie Wahlen begonnen. Das Ergebnis steht erst in einigen Monaten fest.
In Ägypten haben erstmals freie Wahlen begonnen. Das Ergebnis steht erst in einigen Monaten fest.Foto: dpa

Dicht drängen sich die Häuser im Herzen Kairos. Riesige Betonklötze, dazwischen alte Kolonialbauten, alle überzogen mit einer graubraunen Patina. Der Sandstaub von Jahrzehnten liegt über der Stadt. Er klebt an den Satellitenschüsseln, die an jedem Balkon hängen, er klebt auf den Reklametafeln, die die Ladenzeilen umwuchern. Doch seit der Revolution gibt es wieder Farbtupfer: „Ana misry!“ prangt auf roten Plakaten, „Ich bin Ägypter!“ Dazwischen Wahlplakate in allen Farben, dicht an dicht. Und Khaled steckt mittendrin. Meter für Meter schiebt sich sein Taxi durch den verstopften Kairoer Verkehr. Khaled ist ein schlaksiger Typ, er wirkt schläfrig, nur seine Augen huschen suchend umher. Fünf Rückspiegel kleben hinter der Frontscheibe, einer links, einer in der Mitte, drei Stück auf der Beifahrerseite. Ständig schaut der 32-Jährige hinein, beobachtet, was hinter ihm geschieht.

Der Blick zurück ist für Khaled dieser Tage wichtig: Ägypten steht vor seiner ersten freien Parlamentswahl nach dem Sturz Hosni Mubaraks. „Ich hoffe auf ein Ende der Revolution“, sagt Khaled. Man solle ihn nicht falsch verstehen, die Revolution habe Ägypten grundlegend verändert. Aber nun, Monate nach den Ereignissen vom Januar und Februar sei das Land im Stillstand gefangen. „Kein Fortschritt, keine Demokratie“, klagt Khaled, nur ständige Unruhen. Er gestikuliert jetzt mit beiden Händen, sein Auto steckt vollends im Stau. „Die Demonstrationen halten die Welt an.“ Dann ruckelt Khaleds Hyundai wieder ein paar Meter weiter Richtung Tahrir-Platz.

Seit Beginn der Revolution am 25. Januar hat der Platz kaum eine Woche ohne Demonstrationen erlebt. Gegen korrupte Minister, gegen Ausgangssperre und Verhaftungen, für neue Gewerkschaften. Immer wieder musste der Militärrat einlenken und Zugeständnisse machen. Daneben versuchte das Militär, mit Gewalt den Willen der Demonstranten zu brechen, setzte Tränengas und sogar scharfe Munition ein. Die Schuld an den Zusammenstößen zwischen Staatsmacht und Tahrir-Demonstranten tragen laut staatlicher Propaganda „Kräfte aus dem Ausland, die das Land zerstören und die Wahlen verhindern wollen“. Denn wer heute auf dem Tahrir-Platz stehe und Ärger mit dem Militär suche, heißt es, habe nichts gemein mit den ehrenwerten Revolutionären, die Mubarak zu Fall brachten. So sieht es auch Khaled, der Taxifahrer: „Das sind nicht mehr die, die die Revolution gemacht haben.“

Wieder Ausschreitungen in Ägypten
Videos zeigen, wie brutal die Sicherheitskräfte bei den Protesten in Kairo teilweise vorgehen. Ein Polizist schießt in die Menge.Weitere Bilder anzeigen
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18.12.2011 19:24Videos zeigen, wie brutal die Sicherheitskräfte bei den Protesten in Kairo teilweise vorgehen. Ein Polizist schießt in die Menge.

Khaled fährt seit fünf Jahren Taxi. Er hat kein eigenes Auto. Stattdessen pachtet er eins von einem Bekannten. Ein Taxifahrer kann an einem guten Tag – abzüglich der Pacht–- auf zwei, vielleicht drei Euro kommen. Damit ernährt er seine Familie und finanziert die Wohnung. Wie Khaled leben knapp 40 Prozent der Ägypter an der Armutsgrenze. Weil er keine Taxizentrale hat, die Aufträge vermittelt, muss er ständig zusehen, dass er nicht leer fährt. Also verteilt Khaled seine Handynummer. „Jawohl, mein Herr“, „das mache ich gerne, mein Herr“, „ich hole sie ab“, spricht er mit leiser Stimme ins Handy. „Wir hatten gute Demonstrationen“, sagt Khaled, als er das Handy wieder weglegt. Aber nun müsse man denen, die die Macht übernommen haben, dem Militärrat, eine Chance geben. Fortschritt, so Khaled, werde durch die Demonstrationen nur verhindert.

Viele Ägypter denken wie Khaled. Und Khaled weiß, was die Ägypter denken. Khaled chauffiert Menschen aller Berufsgruppen, jeden Alters und jeder Konfession durch die Straßen Kairos. Wer die Stimmung der ägyptischen Gesellschaft erfühlen will, nimmt Platz in einem der 250 000 Kairoer Taxis und hört einfach zu. So hat es auch der ägyptische Schriftstellers Khaled Al-Khamissi getan. Der Autor lauschte über Jahre den politischen Prognosen, Witzen und Urteilen der Taxifahrer. Im Frühjahr erschien sein Buch „Im Taxi“ auf Deutsch. Auf Arabisch konnte man es bereits 2007 lesen – und erfahren, wie es in Ägypten brodelte. „Die Regierung hat Angst, ihr schlottern die Knie. Ein Windstoß, und sie fällt um“, erzählt ein Fahrer im Buch.

Der Windstoß kam im Januar 2011. Doch die Taxifahrer selbst nahmen nur zögerlich am Protest teil. Es war eine Revolution der Akademiker, nicht der Arbeiter. Hassan war am Tag, bevor Mubarak zurücktrat, zwar auf dem Tahrir, „aber ich habe nicht gerufen“, erzählt er. „Ich war … nun ja, als Zuschauer mit dabei.“ Hassan ist auch Taxifahrer, er jagt sein Auto die Schnellstraße hinter dem Azhar-Park entlang. Eine Umgehungsstraße, doch auch hier drängt sich der Verkehr. Am 11. Februar dann, erinnert sich Hassan, als Mubarak schließlich aufgab, musste er schon wieder arbeiten. „Ein großer Teil der Menschen war sehr glücklich. Aber ich wusste nicht: Ist das richtig oder falsch?“

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