Politik : Erstmals kommen Minister aus dem Norden und Süden zu Beratungen zusammen

Martin Alioth

Was 1920 und 1974 schon vergeblich versucht worden war, ist am Montag erstmals zur Wirklichkeit geworden: Minister aus dem britischen Nordirland und aus der souveränen Republik Irland setzten sich zu gemeinsamen Beratungen zusammen. Der erste Nord-Süd-Ministerrat traf sich in der traditionsreichen Kirchenkapitale der ganzen Insel, im nordirischen Städtchen Armagh - pikanterweise im ehemaligen Palast des anglikanischen Erzbischofs.

Die irische Regierung war bei dem Treffen vollzählig vertreten: Das gesamte Kabinett unter der Führung von Premierminister Bertie Ahern erwies den frisch gebackenen nordirischen Kollegen die Ehre. Eine lange Kolonne schwarzer Limousinen schwenkte in den gepflegten Park der einstigen bischöflichen Residenz ein, etwas später landete Aherns Helikopter. Auf den Stufen des steinernen Palastportals warteten schon Nordirlands Erster Minister, der Unionist David Trimble, und sein nationalistischer Stellvertreter Seamus Mallon. Zwei Stühle der nordirischen Regierung indessen blieben leer: Die beiden Minister von Pfarrer Ian Paisleys militanter Protestantenpartei boykottierten die historische Begegnung. Sie sehen in dem Nord-Süd-Ministerrat ein trojanisches Pferd für die irische Wiedervereinigung.

Was noch vor kurzer Zeit unvorstellbar war, spielte sich am Montag harmonisch und ohne jegliche Straßenproteste ab. Die Minister sprachen über die vereinbarten sechs Fachbereiche, in denen die beiden Inselteile künftig enger zusammenarbeiten wollen und vereinbarten Einzelheiten zu den sechs Behörden, die nun für die ganze Insel verantwortlich sind. Die Verantwortungsbereiche der Vertreter im Nord-Süd-Ministerrat sind vorläufig bescheiden. Es geht um Wasserwege, Sprachunterricht, EU-Förderprogramme und Handel. Entscheidungen sind nur einvernehmlich möglich.

Für die - gemeinhin katholischen - Nationalisten auf der ganzen Insel Irland ging am Montag ein Herzenswunsch in Erfüllung. Die natürliche Einheit der Insel und die gemeinsamen Interessen der beiden Teile fanden endlich einen greifbaren Ausdruck. Diese erste Ministerratsbegegnung war in gewissem Sinne das politische Gegenstück zur nordirischen Regierungsbildung zu Beginn dieses Monats: die breite Koalitionsregierung legitimiert das britische Nordirland, der neue Ministerrat unterstreicht die gesamtirische Dimension. Gegen Ende der Woche wird das dritte Element dieser komplexen Gleichung konstituiert, wenn sich die politischen Repräsentanten Irlands und Nordirlands in London mit ihren Kollegen aus England, Schottland, Wales, der Insel Man und den Kanalinseln treffen.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben