• Erstmals muss sich der Zentralrat zwischen zwei Bewerbern entscheiden, das macht die Probleme nicht kleiner

Politik : Erstmals muss sich der Zentralrat zwischen zwei Bewerbern entscheiden, das macht die Probleme nicht kleiner

Malte Lehming

Die Probleme fangen bereits bei der Anrede an. Viele der in Deutschland lebenden Juden sprechen, vor allem bei heiklen Themen, von "uns Juden" und "den Deutschen". Wir und die anderen. Die sprachliche Distanz bringt die immer noch empfundene innere Distanz zum Ausdruck. Entsprechend heißt der Dachverband der 78 jüdischen Gemeinden nicht "Zentralrat der deutschen Juden", sondern "Zentralrat der Juden in Deutschland". Dabei waren es ausgerechnet die Nazis, die "die deutschen Juden" zu "Juden in Deutschland" umdefiniert hatten.

Und was folgt daraus für die andere Seite, für die heute lebenden nicht-jüdischen Deutschen? Sollen sie die sprachliche Distanz übernehmen und entsprechend von "uns Deutschen" und "den Juden" reden? Wir und die anderen? Als vor wenigen Jahren mal wieder ein Asylbewerberheim in Brand gesteckt worden war, versuchte eine fortschrittliche Politikerin, die Sorgen ihres jüdischen Gesprächspartners über die gesellschaftliche Entwicklung mit dem Satz zu zerstreuen: "Haben Sie doch etwas Geduld mit uns Deutschen." Der allerdings hatte dadurch seine Geduld erst recht verloren und rief zurück: "Ich bin auch ein Deutscher. Warum grenzen Sie mich aus?"

Also soll man die Distanz besser leugnen? Nein, auch das kann schiefgehen. Als der damalige Bundespräsident nach dem Attentat von Solingen im Jahre 1992 sagte, "an der Entwicklung, die zu diesem Anschlag geführt hat, sind wir alle schuld", rief wenige Tage später ein jüdischer Schriftsteller im Bundespräsidialamt an. Er wollte wissen, ob er als Jude ebenfalls gemeint sei. In die Kollektivhaftung für den Rechtsradikalismus wollte er sich nicht nehmen lassen.

Es bleibt kompliziert - für Juden nicht minder als für Nicht-Juden. Daran wird auch das Ergebnis der morgigen Kampfabstimmung nichts ändern. Fünf Monate nach dem Tod von Ignatz Bubis wird am Sonntag in Berlin der neue Präsident des Zentralrats gewählt. Erstmals in der Geschichte des 1950 gegründeten Gremiums, das im vergangenen Jahr nach Berlin umzog, muss sich dessen neunköpfiges Präsidium zwischen zwei Bewerbern entscheiden. Für das Amt kandidieren die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde in München, Charlotte Knobloch (67), und Paul Spiegel (62), der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein. Spiegel gilt als Favorit, obwohl die Unterschiede zwischen den beiden Bewerbern gering sind. Beide hatten als Kinder in Verstecken die NS-Zeit überlebt. Anders allerdings als ihre Vorgänger Heinz Galinski und Ignatz Bubis sind sie nicht mehr durch Konzentrations- und Arbeitslager geprägt.

Auch in ihrer inhaltlichen Ausrichtung sind sich Knobloch und Spiegel fast zum Verwechseln ähnlich. Beide wollen die jüdischen Gemeinden nach innen festigen, beide setzen dabei auf das "Prinzip der Einheitsgemeinde" mit liberalen, konservativen und orthodoxen Juden unter einem Dach, und beide sehen eine ihrer Hauptaufgaben in einer besseren Integration der russischsprachigen Juden. Mit offiziell rund 80 000 Mitgliedern hat sich die jüdische Gemeinschaft in Deutschland durch Zuwanderung aus den ehemals sowjetischen Staaten in zehn Jahren nahezu verdreifacht. Angesichts der hohen Arbeitslosenrate unter den Neubürgern warnte eine im November veröffentlichte Studie des "Moses-Mendelssohn-Zentrums" in Potsdam: "Die Integration russisch-jüdischer Zuwanderer in die deutsche Gesellschaft droht zu scheitern." Die Dynamik des Einwandererdrucks überfordere die jüdischen Gemeinden. Knapp die Hälfte der Zuwanderer seien arbeitslos.

Es hat Streit gegeben vor dieser Wahl. Durchsetzungsfähigkeit und Lauterkeit der Kandidaten wurden öffentlich bezweifelt. Auch das - sowie die Tatsache, dass es erstmals zwei Kandidaten gibt - zeigt, dass niemand mehr das Amt des Zentralratspräsidenten mit jener natürlichen Autorität beanspruchen kann, die Bubis hatte. Das macht all die Probleme nicht kleiner.

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