Politik : Ertrunken auf dem Weg ins bessere Leben „Flucht aus Afrika wird immer gefährlicher“

Ralph Schulze

Santa Cruz - Seit Europa seine südlichen Seegrenzen mit Küstenwachtschiffen und Aufklärungsflugzeugen abschotte, sei die Flucht für die afrikanischen Migranten noch gefährlicher geworden, sagt Luc Andre Diouf. Und das Risiko, unterwegs zu sterben, noch viel größer. Der gebürtige Senegalese ist Einwanderungsbeauftragter der Gewerkschaft CCOO auf den zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln und kennt durch seinen Job unzählige Flüchtlingstragödien. Diese „Abschreckungsmission“ der EU-Grenzschutzagentur Frontex, kritisiert er, verlängere lediglich den ohnehin schon langen und riskanten Weg der illegalen Immigranten. Sie müssten nun nicht nur mit dem Meer kämpfen, sondern auch versuchen, in einem Katz-und- Maus-Spiel den Grenzschützern auszuweichen. Die Angst, gleich nach Hause geschickt zu werden, ist groß.

Das erklärt vielleicht, warum jene mehr als 100 Afrikaner, die mit ihrem gut 20 Meter langen Holzkahn Richtung Kanaren unterwegs waren, „sehr nervös“ wurden, als plötzlich zwei orangefarbene Schiffe des spanischen Seenotrettungsdienstes ihre Scheinwerfer auf sie richteten. „Sitzen bleiben, Ruhe bewahren“, riefen die Matrosen den Afrikanern zu. Zu spät: Einige Insassen des völlig überladenen Bootes sprangen auf, das Schiff bekam Schlagseite. Eine meterhohe Welle ließ den Kahn kentern. 48 Menschen konnten gerettet werden, 50 oder auch 60 ertranken. Nur drei Leichen konnten die Retter am Unglücksort, rund 170 Kilometer südlich von Teneriffa, aus dem Atlantik fischen.

„Die tragen oft mehrere T-Shirts, Pullover und Hosen übereinander, um sich vor Wind, Feuchtigkeit und nächtlicher Kälte während der tagelangen Überfahrt zu schützen“, berichtet ein erfahrener Helfer. „Sie sitzen wie Sardinen in den Booten.“ Bis zu zehn Tage sind sie so unterwegs, wenn sie – wie meist – von Senegal oder Gambia ablegen und dann die rund 2000 Kilometer entfernten Kanaren ansteuern. „Wenn die plötzlich ins Wasser fallen, versinken sie wie Steine.“ Dutzende Migrantenboote werden vom Meer verschluckt, ohne dass jemand in Europa Notiz nimmt. Insgesamt bis zu 3000 Afrikaner, schätzen Hilfsorganisationen, ertranken allein 2006 auf dem Weg nach Europa.

Etwa im März vergangenen Jahres, als irgendwo zwischen dem westafrikanischen Senegal und den Kanaren ein Fluchtkahn mit mehr als 80 Insassen in den Fluten verschwand. Durchweg junge Männer aus dem verarmten senegalesischen Fischerdorf Thiaroye, wo der Fang im Meer nichts mehr einbringt. Ihre Familien hatten das Geld zusammengespart, damit der jeweils stärkste ihrer Söhne nach Europa gehen konnte, um dort Arbeit zu suchen. 700 Euro kostete die Reise, die mit dem Tod endete.

„Viele senegalesischen Söhne haben ihre Leben geopfert, um zu versuchen, ihre Familien zu ernähren“, erzählt die 48-jährige Yaye Bayern, die ihren Sohn Alioune verlor. Sie gründete die „Dorfvereinigung der Mütter und Witwen“, sie will den Familien in ihrem Dorf helfen – und weitere Fluchttragödien vermeiden. Sie wirbt für Mikrokredite, um ihrem Dorf eine bessere Zukunft zu eröffnen. Und reiste nach Spanien, um dort von den Problemen und ihrem kleinen Hilfsprojekt zu berichten, mit dem sie die Massenflucht der jungen Generation aus ihrem Ort stoppen will. Ralph Schulze

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