Erwachsenwerden - keine Frage des Alters : Zwischen Bemutterung und Überforderung

Junge Flüchtlinge müssen mit 18 für sich selbst stehen, Kinder aus privilegierten Familien tun das manchmal mit 30 noch nicht. Für eine fairere Sicht auf junge Leute - ein Plädoyer.

Zeit zum Lernen - und die Wäsche macht Mutti? Zwei Studentinnen in der Cafeteria der Universität der Künste (UdK) in Berlin.
Zeit zum Lernen - und die Wäsche macht Mutti? Zwei Studentinnen in der Cafeteria der Universität der Künste (UdK) in Berlin.Foto: picture alliance / dpa

Deutschland leistet sich für seine Jugendlichen eine Politik der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Für die einen ist das Erwachsenwerden ein langer schmerzhafter Prozess. Für die anderen ist es ein sehr kurzer schmerzhafter Prozess. Das ist ungerecht.
Kinder aus gutbürgerlichen Elternhäusern machen mit 17 oder 18 oder 19 Abitur. Danach gönnen sich viele eine Pause. Anschließend studieren sie. Die Hochschulen wissen, dass die jungen Erwachsenen Hilfe brauchen. Vorbereitungskurse bringen sie fachlich und sozial auf Vordermann. Phasen unlustigen Lernens werden in Tutorien ausgeglichen. Universitäten verstehen, wenn der Nachwuchs „noch nicht so weit ist“. Eltern schätzen sich glücklich, wenn Kinder mit Ende 20 auf eigenen Beinen stehen.
Die anderen verlassen die Schule früher. Sie beginnen eine Ausbildung. Von ihnen wird erwartet, dass sie spätestens mit 21 das Gröbste hinter sich haben. Am schnellsten aber müssen die Schwächsten sein: Jugendliche, die vom Jugendamt betreut werden, sind mit 18 raus. Sie müssen aus ihren Wohngemeinschaften, Heimen oder auch bei ihren Pflegefamilien ausziehen. Unbegleitete Flüchtlinge siedeln dann in Unterkünfte für Erwachsene um. Wer „noch nicht so weit ist“, hat Glück, wenn er einen verständnisvollen Sozialpädagogen findet. Dann kann er um ein paar Monate verlängern. Wenn er Pech hat, hat er Pech.

Was gehört zum Erwachsenwerden?


Beide Gruppen leiden. Den Behüteten wird zu wenig Frustrationstoleranz und Selbstständigkeit abverlangt, den Unbehüteten zu viel. Eine faire Gesellschaft würde darüber nachdenken, was zum Erwachsenwerden gehört. Sie würde auch den privilegierten Teenagern früh erste Schritte dahin abverlangen. Ein klares, unbestechliches Leistungsbewertungssystem in der Schule gehört dazu. Fehlverhalten, Schwänzen, Faulheit müssen geahndet werden. Auch die Hochschulen müssen wieder lernen, ihre Studenten richtig zu bewerten. Dann werden die jungen Akademiker schneller und besser erwachsen. Den anderen würde die faire Gesellschaft dasselbe abverlangen, aber auch dasselbe zugestehen. Dann wäre die Erwachsenen-Gesellschaft auch eine faire Gesellschaft.

GroKo, Neuwahlen oder Minderheitsregierung? Erfahren Sie, wie es weitergeht - jetzt gratis Tagesspiegel lesen!

Autor

5 Kommentare

Neuester Kommentar