Erziehung : Sila Sönmez, 25

lebt in Berlin, Autorin des Buchs „Ghetto-Sex-Tagebuch“.

Ich bin in einer großen Familie aufgewachsen – mit meinen Eltern, meiner Schwester, meinen Tanten und Onkels, Cousins und Cousinen. Ich erinnere mich gerne an unsere Familientreffen, wenn unsere Mamas und Tanten in der Küche Kisir, Karniyarik, Börek und viel süßen Tee zubereiteten und wir aus den Kochtöpfen naschten. Gemeinsam im Wohnzimmer sitzen, lachen und uns stimmlich übertönen, das genieße ich bis heute. Ich bin ein Familienmensch.

Sila, 4 JahreFotos: privat
Sila, 4 JahreFotos: privat

Als ich klein war, bin ich in die Krabbelgruppe und in den Kindergarten gegangen. Im Hort war ich aber nie. Manchmal hat auch meine ältere Schwester auf mich aufgepasst. Das hat sie sehr gut gemacht, so dass wir, bevor unsere Eltern nach Hause kamen, gleich ins Bett gehüpft sind. Abends war ich aber sowieso total platt, weil ich tagsüber sehr aktiv war. Ich war in der Musikschule, beim Ballet, bei Freunden oder einfach nur draußen mit den anderen Kindern. Allein zu Hause war ich eigentlich nie.

Manchmal habe ich natürlich die anderen um Dinge beneidet, die ich nicht hatte. Als Kind tut man das in x-beliebigen Situationen, in denen man sich benachteiligt oder ungerecht behandelt fühlt. „Wäre ich Tina, könnt ich jetzt dieses Eis essen“, solche Dinge habe ich öfter gedacht, aber diese Gedanken sind in dem Alter einfach normal. Heute bin ich froh, nicht immer das bekommen zu haben, was ich wollte. Ich habe die Dinge so eben auch zu schätzen gelernt. Dafür danke ich meinen Eltern.

Außerdem bin ich meinen Eltern auch dankbar dafür, dass sie nicht locker gelassen haben, als meine Lehrer mich nach der vierten Klasse auf eine Haupt- oder Realschule schicken wollten. Ich war ein eher zappeliges und unkonzentriertes Kind, trotzdem wäre es ein Fehler gewesen. Meine Eltern haben immer gesagt: „Sila, du schaffst das.“ Sie haben mich immer unterstützt, auch wenn sie mir ab einem bestimmten Alter nicht mehr wirklich in der Schule helfen konnten. Durch diese Unterstützung meiner Eltern konnte ich einen Kampfgeist entwickeln, der mir zwar ein schlechtes, aber immerhin ein Abi verschafft hat. Darüber bin ich heute sehr froh.

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