Erziehungskongress : Missbrauch ist Thema – auf den Gängen

Missbrauchsfälle an deutschen Schulen werden beim Mainzer Erziehungskongress nicht debattiert - jedenfalls nicht offiziell. Die Organisatoren rechtfertigen sich: Das Programm sei so kurzfristig nicht umzubauen.

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Berlin Mehr als 2000 Pädagogen treffen sich in diesen Tagen in Mainz, und sie sprechen über die Missbrauchsfälle an deutschen Schulen – „auf den Gängen und bei Tischgesprächen“. Das berichtet der Erziehungswissenschaftler Eckhard Klieme aus Frankfurt am Main vom Mainzer Kongress, den die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaften (DGfE) organisierte. Auf der offiziellen Tagesordnung steht das Thema nicht, das Schüler, Eltern und Lehrer seit Wochen beschäftigt und mit immer neuen Enthüllungen wachsendes Entsetzen hervorruft. Um „Bildung in der Demokratie“ soll es in Vorträgen und Diskussionen bis zum Mittwochabend gehen, um soziale Ungleichheit im Bildungswesen und kulturelle Vielfalt an den Schulen.

Die Erziehungswissenschaft hätte „flexibel und spontan“ auf die Missbrauchsfälle reagieren und etwa eine Podiumsdiskussion dazu anbieten müssen, kritisiert Tagungsteilnehmer Klieme. Es liege doch auf der Hand, „dass eine demokratische, aufgeklärte Pädagogik jetzt herausgefordert ist“ – gerade durch die systematischen Übergriffe von Lehrern auf Schüler an der reformorientierten Odenwaldschule in Hessen. Ob bestimmte pädagogische FormenFreiräume für sexuellen Missbrauch böten, sei die meistdiskutierte Frage auf den Gängen der Mainzer Uni.

Es sei kaum möglich, das Programm eines so großen Kongresses spontan umzubauen, sagt Organisator Stefan Aufenanger. Einzelne Referenten hätten jedoch Stellung genommen. So sei Jürgen Oelkers von der Universität Zürich in seinem Beitrag der Frage nachgegangen, ob die Reformpädagogik für Missbrauch anfällig sei. Die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaften werde eine Expertengruppe einberufen und noch in diesem Jahr in einem öffentlichen Workshop „Fragen von Verletzungen der psychischen, physischen und sexuellen Intimität und Integrität“ diskutieren.

Mit scharfen Worten verurteilte auch der Soziologe Oskar Negt die Missbrauchsfälle, der in Mainz den Eröffnungsvortrag hielt. Die sexuelle Gewalt an der Odenwaldschule sei „völlig inakzeptabel“, wird Negt zitiert. Er äußerte sich auch erschüttert über Reaktionen des Reformpädagogen Hartmut von Hentig. Es sei nachvollziehbar, dass er seinen Lebensgefährten, den langjährigen Odenwald-Leiter Gerold Becker, in Schutz nehme. Unverständlich sei jedoch, dass Hentig Opfer zu Tätern mache, indem er ihre Aussagen in Zweifel ziehe.

Unterdessen hat der frühere Leiter des Internats Schloss Salem, Bernhard Bueb, bekannt gegeben, dass es auch an seiner Schule Missbrauch gegeben habe. Die verantwortlichen Lehrer seien sofort entlassen worden, sagte Bueb. Die Fälle seien im Vergleich zu den Vorfällen an der Odenwaldschule „vergleichsweise harmlos“ gewesen. (mit dpa)

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