Politik : Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen fordert neue Lehrpläne (Interview)

Was liegt bei unseren Schulen im Argen?

Dieter Lenzen (52) ist Erster Vizepräsident der Freien Universität. Der Professor für Erziehungswissen-schaften hat selbst drei Kinder.

Was liegt bei unseren Schulen im Argen?

Wir brauchen kein völlig anderes Schulsystem. Wir haben eine Akkumulation von negativen Effekten. Dazu gehört der Altersaufbau des Personals. Lehrer zwischen 60 und 65 Jahren machen an manchen Schulen bis zu 70 Prozent des Kollegiums aus. Daher rührt auch der hohe Krankenstand.

Wie kommt es denn zu dieser Überalterung?

In den 70er Jahren hat man sehr viel Personal eingestellt, das ungefähr gleichaltrig ist Das treiben wir wie eine Bugwelle vor uns her. In den nächsten fünf bis zehn Jahren müssen zwei Drittel des gesamten Lehrpersonals ausgetauscht werden Dann werden wieder nur 30-Jährige eingestellt. Die vorgezogene Wiederbesetzungen von Stellen ist versäumt worden. An den Hochschulen hat man das gemacht, damit eine Altersmischung zustande kommt.

Ist denn das Wissen, das unseren Kindern beigebracht wird, noch zeitgemäß?

In den 70er und 80 er Jahren ist der Stunden- und Stoffplan der Schulen überfüllt worden. Das hat dazu geführt, dass die Curricula völlig überlastet sind mit Detailwissen, mit "trägem Wissen", wie es in der Lernpsychologie heißt. Uns fehlt der Blick auf die Schlüsselqualifikationen, also solche Fähigkeiten, mit deren Hilfe ich in der Lage bin, selber weiterzulernen. Die brauchen wir künftig in einem Leben, wo man mindestens drei bis fünfmal seinen Beruf wechselt.

Braucht man dann auch neue Lehrbücher?

Das ist der letzte Schritt. Aber erst muss man sich darüber verständigen, was die wesentlichen Inhalte sind. In den Lehrplankommisionen, in denen die gesellschaftlichen und politischen Gruppen sitzen, feiern die Partikularinteressen fröhliche Urständ.

Geht das denn mit den Lehrplankommissionen in ihrer heutigen Form?

Da sind auf dem falschen Weg. Es ist eine wissenschaftliche Frage, zu beurteilen, welcher Inhalt sich für das zukünftige Leben eignet. Wir können dank vieler Studien ziemlich genau beschreiben, was Schlüsselqualifikationen sind. In der Lehrlingsausbildung werden beispielsweise völlig andere Dinge erwartet, als die Öffentlichkeit glaubt: Es ist eben nicht wahr, dass es um die Rechtschreibung geht. Den Unternehmen ist gelegen an Qualifikationsmerkmalen wie Belastungsfähigkeit, Eigeninitiative, Kreativität, Frustrationstoleranz.

Sitzen die falschen Leute in den Lehrplankommissionen?

Dort ist Expertise gefragt, und nicht Interessenpolitik. Wir brauchen einen Runden Tisch. Denn es geht ja auch um die Lehrerausbildung. Diese halte ich für sehr defizitär. Ein Deutschlehrer studiert bei uns Germanistik, und die berufsbezogene Qualifikation in Pädagogik und Psychologie macht nur etwa acht Prozent seines Studiums aus.

Was ist mit dem Internet?

Wir haben sicher den Anschluß verschlafen an die neuen Informationstechnologien, insbesondere was Multimedia-Anwendungen im Unterricht betrifft.

Reformen sind also doch eine Geldfrage?

Es ist beides. Es ist auch eine Frage, welche Prioritäten man setzt. Natürlich kosten Computer Geld. In Kanada haben 90 Prozent der Kinder ihren eigenen Computer in der Schule. Wir sind schon froh, wenn wir in jeder Schule einen einzigen Computer haben. Das ist natürlich eine ganz andere Lernsituation. Wichtig ist aber auch das individuelle Lernen. Wir wissen, dass Lernen durch die Aktivität des Lernenden sehr stark bestimmt wird. Lehren heißt also nicht, jemandem etwas beizubringen, sondern eine Lernumwelt zu schaffen, in dem der Lernende sich selbst das Wissen beschafft. Darauf ist unser gesamtes Schulsystem nicht ausgerichtet. Das Gespräch führte Andrea Nüsse.

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