Politik : Es begann mit Hunger

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Das Ding erinnert an ein Kunstwerk, Abteilung Ethno-Art. Ein drei Meter langes, schmales, gestrecktes Aquarium, randvoll mit Wasser, darin, auf filigranen Edelstahl-Stützen fast schwebend, ein langes dünnes Stück Holz, an mehreren Stellen gebrochen, leicht durchgebogen. Wer sehr genau hinschaut, kann erkennen, dass die eine Seite der Holzstange angespitzt ist. Aber es hat vermutlich von denen, die in den letzten Monaten im Gropius-Bau waren und die große Archäologie-Ausstellung gesehen haben, nicht jeder genau hinschauen können, weil da so viel anderes zu sehen war, Spektakuläreres, Glänzendes, Großartiges. Dabei ist dieser Holzstab die Sensation der Schau gewesen. Es ist ein Wurfspeer, von Altertumsforschern 1995 in einer früheren Braunkohlegrube bei Helmstedt entdeckt. Nicht irgendeine sehr alte Waffe. Dies Ding in seinem Wasserbad ist die erste Waffe der Menschheit.

Es ist eine ziemlich beeindruckende Begegnung, besonders wenn man jetzt täglich via Fernsehschirm vor Augen geführt bekommt, wie weit Homo sapiens es in den letzten 400 000 Jahren auf diesem Feld gebracht hat. Es fällt einem dabei dann der alte Spruch der alten Römer ein, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei. Ganz fatalistisch kann einem werden, weil ohne die Erfindung dieses Speers und seiner diversen Nachfahren unsere Vorfahren kaum je über das Stadium zweibeiniger Affen hinausgekommen wären. Aber die alten Römer lagen wahrscheinlich trotzdem falsch. Der Vater dieses Dings war der Hunger. Sein Schöpfer ist mit dem Fichtenspeer auf die Pferdejagd gegangen, die Schädel und Knochen liegen auch in der Braunkohlegrube von Schöningen. Für die Wissenschaft ist das der Beweis, dass unser Vorfahr schlauer war als gedacht, ein Jäger, nicht nur Aasfresser. Uns übrigen kommt der gleiche Gedanke, nur aus anderen Gründen. Homo sapiens, den Weisen, nennen wir uns, den Speerschnitzer aber etwas ratlos Homo erectus, den mit dem aufrechten Gang. Dabei war, vergleichsweise, vielleicht der der Weise?

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