Politik : Es bleibt in der Familie

„Chemie-Ali“, Saddams Cousin, ließ 5000 Kurden mit Giftgas töten

Andrea Nüsse[Amman]

Er war einer der grausamsten Vertreter des Saddam-Regimes. Ali Hassan al Madschid, bis 1995 enger Vertrauter des gestürzten irakischen Staatschefs, ordnete den Giftgasangriff auf die kurdische Stadt Halabdscha 1988 an, bei dem mehr als 5000 Menschen starben. Dies brachte ihm den Beinamen „Chemie-Ali“ ein. Der Cousin Saddam Husseins war während des Kriegs gegen Iran 1987 als Gouverneur des Nordirak eingesetzt worden. Dort sollte er gegen die Kurden vorgehen, die sich mit Iran verbündet hatten. Er organisierte die größte Vertreibungskampagne in der Geschichte des Landes: Knapp zwei Jahre später waren 4000 Dörfer zerstört, 20 000 Menschen getötet und 1,5 Millionen Kurden in den Süden des Landes vertrieben worden. Nach Angaben von Human Rights Watch ist „Chemie-Ali“ sogar verantwortlich für den Tod und das Verschwinden von 100 000 kurdischen Zivilisten. Weite Landstriche wurden durch den Einsatz von Chemiewaffen verwüstet.

Der Aufstieg des 65-jährigen Ali Hassan al Madschid begann Anfang der 80er Jahre, als Saddam Hussein sich in seinem inneren Führungszirkel immer mehr auf loyale Familienmitglieder aus seiner Heimatregion um Tikrit stützte. Ohne Schulbildung und längere militärische Ausbildung wurde der Cousin zum General ernannt. Er wurde schnell der Mann für „besondere Aufgaben“, die er mit gnadenloser Brutalität erledigte: Nach der Invasion Kuwaits 1991 ernannte ihn Saddam Hussein zum Gouverneur der „19. Provinz“ des Irak, wo er seinen Ruf durch ausgiebige Plünderungen bestätigte. Als nach Kriegsende die Schiiten im Süden des Landes den Aufstand probten, nahm sich Ali Hassan al Madschid die Region um die Hafenstadt Basra vor: Mit den drei intakten Divisionen der Republikanischen Garden eroberte er Basra zurück. Tausende starben in den Kämpfen oder wurden hingerichtet.

Bis 1995 war er Innen- und Verteidigungsminister. Er soll die Hinrichtung der beiden Schwiegersöhne Saddam Husseins, darunter sein eigener Cousin Hussein Kamel, organisiert haben. Sie hatten sich nach Jordanien abgesetzt, waren aber aufgrund eines Amnestie-Versprechens zurückgekehrt. In dem Machtkampf zwischen Saddams Söhnen Udai und Kusai spielte al Madschid eine entscheidende Rolle. Doch als er sich mit dem ebenso gewalttätigen Udai überwarf, musste er seine Ämter aufgeben. Dennoch nahm er aus dem Hintergrund weiter Einfluss.

Kurz vor dem amerikanisch-britischen Agriff im März ernannte Saddam Hussein seinen Vertrauten zum Oberbefehlshaber über den Südirak. Die Amerikaner verkündeten kurz nach ihrem Einmarsch, „Chemie-Ali“ sei in Basra getötet worden. Anfang Juni räumten die USA ein, dass der Mann möglicherweise noch am Leben sei. Auf der Liste der meistgesuchten Regimevertreter stand Ali Hassan al Madschid an fünfter Stelle.

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