Politik : „Es fehlt an Pioniergeist“

Der Bonner Wissenschaftler Brüstle über die deutsche Stammzellforschung – und ihre geringe Wettbewerbsfähigkeit

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Herr Brüstle, Sie haben die Diskussion um Stammzellen angestoßen, was halten Sie denn jetzt von der Abstimmung des europäischen Parlaments, die Herstellung zu fördern?

Prinzipiell geht die Entscheidung in die richtige Richtung. Es zeichnet sich ab, dass die Zelllinien, die aus der ersten Generation zur Verfügung stehen, Nachteile haben. Zum größten Teil sind sie gemeinsam mit tierischen Zellen kultiviert worden. So bergen sie das Risiko einer Verunreinigung durch tierische Krankheitserreger. Obwohl sie momentan für die Grundlagenforschung noch ausreichen mögen, werden sie langfristig nicht für biomedizinische Anwendungen eingesetzt werden können. Hinzu kommt, dass verschiedene europäische Staaten damit begonnen haben, neue Zelllinien herzustellen. Man möchte natürlich eine Situation schaffen, mit diesen neuen Linien auf europäischer Ebene zu kooperieren, anstatt weiterhin von Zelllinien aus den USA, Australien und Israel abhängig zu sein. Mit einer Stichtagsregelung und ohne die Option für die Herstellung neuer Zelllinien wird dies nicht möglich sein. In dieser Hinsicht ist die Entscheidung des europäischen Parlaments zu begrüßen, sie zeigt eine Perspektive auf, die wir schon lange fordern und brauchen, nämlich eine freie Interaktionsmöglichkeit auf europäischer Ebene mit einer gemeinsamen Förderstruktur. Dieses Forschungsgebiet lebt von Kooperation zwischen Instituten und Labors. Für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist ein internationaler Austausch heute nicht nur normal sondern essenziell.

Nun steht die Entscheidung des Ministerrats an. Wäre eine positive Entscheidung spürbar?

Bei uns gilt die nationale Gesetzgebung. Das heißt, es wird sich unmittelbar an dem was wir tun und tun dürfen nichts ändern. Es bleibt zu hoffen, dass das Signal so interpretiert wird, dass unser restriktives Regelwerk noch einmal überdacht wird. Ich hoffe natürlich, dass wir gegenüber dem sechsten Rahmenprogramm klare Position beziehen. Wir haben jetzt genau die paradoxe Situation, vor der ich bereits vor zwei Jahren gewarnt habe: Wir fördern ein großes europäisches Programm, wobei ein Teil unserer Mittel in Projekte fließt, die hier zu Lande mit einer bis zu dreijährigen Gefängnisstrafe geahndet werden. Obwohl dies absehbar war, kommen wir jetzt einmal mehr unter Entscheidungsdruck. Ohne eine bessere Voraussicht werden wir den Entwicklungen vermutlich weiterhin hinterherlaufen.

Die Möglichkeiten der Stammzellforschung reichen hier also nicht aus?

Diese Frage hat eine zeitliche Perspektive. Mit dem Stammzellgesetz haben wir eine Situation geschaffen, die seinerzeit den besten erreichbaren Kompromiss darstellte. Diese Kompromisslösung erlaubt es, aktuell relevante grundlagenwissenschaftliche Probleme zu bearbeiten. Es bedarf allerdings keiner Hellseherfähigkeiten, die durch unsere Einschränkungen auf uns zukommenden Nachteile vorauszusehen – etwa in Bezug auf internationale Kooperationen oder medizinische Anwendungen. Wie bei allen neuen Technologien ist es auch in der Stammzellforschung wichtig, die Folgen von Restriktionen rechtzeitig vorherzusehen. Dies scheint nicht gerade ein deutsches Talent zu sein – denken Sie nur an die wissenschaftlich und wirtschaftlich fatalen Folgen der ursprünglich sehr restriktiven Gentechnik-Regulierungen. Mir mag es nicht einleuchten, dass wir denselben Fehler wieder und wieder machen.

Sie haben also Angst, den Anschluss zu verlieren, weil die anderen durch mehr Möglichkeiten schneller vorangehen können?

Es ist keine Frage, dass die Stammzellforschung in Deutschland unter den momentanen Einschränkungen im europäischen Vergleich leiden würde. Dabei haben wir gegenüber den USA und anderen Staaten ja bereits einen Rückstand von mehreren Jahren aufzuholen. Um wettbewerbsfähig zu sein, benötigen wir europäische Kooperationen, und dazu bedarf es europaweiter Regelungen.

Stammzellen dürfen hier genutzt, aber nicht hergestellt werden - ist das ethisch gesehen nicht das gleiche?

Nicht ganz. Diese Einschränkung sollte in Zusammenhang mit der Stichtagsregelung sicherstellen, dass Deutschland nicht zur Herstellung neuer Zelllinien aus überzähligen befruchteten Eizellen beiträgt. Hier stand vor allem die Intention im Vordergrund, einer verbrauchenden Embryonenforschung im großen Stil einen Riegel vorzuschieben - eine Intention, die ich teile. Auf der anderen Seite sollte es auch in Zukunft möglich bleiben, bei der künstlichen Befruchtung übrig gebliebene und ansonsten zu verwerfende Eizellen für die Gewinnung von Zelllinien einzusetzen, wobei es wohlgemerkt nicht um die Herstellung großer Zahlen sondern um qualitativ bessere Zelllinien geht.

Besteht hier weniger Bedarf, mit Stammzellen zu arbeiten, oder fehlt einfach das Potenzial?

Wenn man sich die Zahl der bislang eingereichten und vom Robert-Koch-Institut genehmigten Anträge anschaut, ist dies eine berechtigte Frage. Die Gründe für das schleppende Anlaufen dieses Forschungsgebietes sind komplex. Zum einen kann man sich in dieses Gebiet nicht von heute auf morgen vertiefen und hätte damit vermutlich auch keinen Erfolg – für eine Bewilligung sind etwa Expertise und Vorarbeiten an tierischen Zellen vorzuweisen. Zum andern ist die mit einem – ja, man kann sagen Outing - verbundene Exposition für viele Wissenschaftler und Institutionen noch abschreckend – im übrigen nicht nur im akademischen Bereich.

Also eine Mischung aus fehlendem Potenzial und fehlendem Mut?

Das Potenzial ist da. An was es fehlt, ist Pioniergeist.

Das Gespräch führte Stephanie Nannen.

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